Schrift

27.11.2012
Bielefeld
Hooligan-Prozess: Szenekundiger Beamter verteidigt Video-Aufnahmen der Polizei
Täter aus der Anonymität geholt
VON NILS MIDDELHAUVE

Bielefeld. "Wir sahen, dass es eine Auseinandersetzung gab. Ich schaltete die Kamera ein, zehn Sekunden später waren wir am Tatort. Da waren die beiden fast tödlichen Tritte schon passiert", berichtete der Polizeibeamte in der Verhandlung. Vor dem Bielefelder Landgericht ist gestern der Prozess gegen elf junge Männer fortgesetzt worden, die im Mai nach einem Fußballspiel eine Gruppe von Gästeanhängern attackiert und einen der Angegriffenen beinahe tödlich verletzt hatten. Eine der dabei thematisierten Fragen: Hätten die zuerst eintreffenden Zivilpolizisten anders reagieren müssen?

Nach dem dramatischen Zwischenfall vom 5. Mai diesen Jahres, in dessen Folge ein Werder-Bremen-Fan tagelang im Koma gelegen hatte, war mehrfach Kritik am Vorgehen der Polizei laut geworden. Während des Überfalls auf die Gruppe Bremer Fans war ein Zivilfahrzeug der Polizei mit zwei sogenannten Szenekundigen Beamten auf den Tatort zugefahren. Schon während der Anfahrt filmte der auf dem Beifahrersitz sitzende Beamte das Geschehen. Als das Fahrzeug wenige Sekunden später hielt, stieg er aus und filmte weiter, während Malte K. (26) lebensgefährlich verletzt und bewusstlos am Boden lag.

Vor der III. Großen Strafkammer des Landgerichts berichtete der Zivilpolizist gestern, dass er ausgestiegen sei und weiter gefilmt habe, um die Täter aus der Anonymität zu holen. Dies habe ja auch präventive Wirkung. "Durch das Hochhalten der Kamera und weil wir natürlich in der Szene bekannt sind, sind dann ja, bis auf zwei Männer, auch die meisten der Täter geflohen. Somit war das Ziel erreicht, dass es zu keinen weiteren Gewalttaten mehr kommen konnte." Kurz darauf trafen weitere Beamte ein, der Hauptangeklagte Philip G. wurde noch an Ort und Stelle festgenommen. "Die Auseinandersetzung war sechs Sekunden nach unserem Aussteigen beendet", so der Polizist. "Wir hatten aber keine Chance, die beinahe tödlichen Tritte zu verhindern."
Letztere Aussage zog Nachfragen mehrerer Verteidiger nach sich.

So jene, ob es nicht durch ein Einschalten der Sirene ebenfalls hätte gelingen können, die Täter frühzeitig zur Flucht zu zwingen. Dies, so der Polizist, hätte jedoch eine zeitliche Verzögerung bedeutet. G.s Verteidiger Detlev Binder erklärte, dass aus seiner Sicht die Strafverfolgung, nicht die Strafvereitelung vorrangiges Ziel der Polizei gewesen sei. Für weitere Irritationen in den Reihen der Verteidiger sorgte die Aussage des Beamten, dass er seine eigene Zeugenvernehmung im Anschluss an die Tat im Beisein eines Kollegen selber geschrieben habe.

Zuvor hatte der Szenekundige Beamte einen Überblick über die Bielefelder Fan-Szene gegeben. Dabei stellte er klar: "Nicht jeder Ultra ist auch ein Problem-Fan." Leider neigten diese jedoch dazu, sich auch im Unrecht zu solidarisieren. Im vergangenen Jahr habe ihm der, nun wegen versuchten Mordes angeklagte G. in Burghausen aus einem Fan-Pulk heraus zugerufen "Na, du kleine Schweinebacke." Als er G. aus der Menge habe herausziehen wollen, um diesen anzuzeigen, habe ein anderer Fan – ebenfalls aus den Reihen der nun Angeklagten – ihn angefahren "Du nimmst hier gar keinen mit", berichtete der Beamte gestern. Der Prozess wird übermorgen fortgesetzt.

Fotostrecke
Bielefeld: Werder-Fan von Bielefelder Hooligans lebensgefährlich verletzt
 
Klicken Sie auf ein Foto, um die Fotostrecke zu starten (31 Fotos).



Mehr zum Thema in nw-news.de


Anzeige

Anzeige

Bielefeld

5.371 Personen gefällt
"Bielefeld"


Darüber sollten wir berichten
Ihr Kontakt zur NW Bielefeld




Anzeige
Videos
Anzeige
Die NW 1:1 im Netz


Anzeige
Meistgeklickt in Bielefeld

Turm der Sparrenburg wieder geöffnet
Bielefeld (nw). Der schöne Ausblick über die Stadt ist für die Besucher der Bielefelder Sparrenburg nun wieder möglich: Der Turm ist seit Montag... mehr

Endspurt beim Brückenbau für A 33: Ist der Weiterbau der Autobahn ein Gewinn für Bielefeld?
Bielefeld. Da, wo die Ems-Lutter die Queller Straße kreuzt, wird gerade die mit 120 Metern längste der künftigen A-33-Brücken gebaut. Acht... mehr

Ein neuer Ballon dank Facebook
Bielefeld (buck). Und schwupps, da war er weg: Am vergangenen Dienstag glitt Niklas Engel sein neuer Helium-Ballon aus den Fingern. Den hatte er... mehr

Über den Jahnplatz in den Krieg
Bielefeld. Europa taumelt in den Krieg. Am 28. Juli, heute vor 100 Jahren, leitete Österreich-Ungarn den Angriff auf Serbien ein. Anlass war das... mehr

Zweite Ferien-Halbzeit beginnt
Bielefeld. Und plötzlich sind’s nur noch drei Wochen: Die Hälfte der Sommerferien ist rum. Während etliche Bielefelder schon zurück aus dem Urlaub... mehr

Bielefelder demonstrieren gegen Gaza-Konflikt



Eröffnung Luna OpenAir Kino




Anzeige



Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik