Gütersloh. "Mauersegler", sagt Jürgen Albrecht und deutet in den stahlblauen Himmel. Fünf kreisende Punkte sind zu erkennen. "Und da kommen Mehlschwalben." Zu erkennen sind sechs schwarze Punkte. Einer stößt aus dem Himmel herab und nähert sich mit einem Warnruf. "Dieses srii-srii ist typisch für den Mauersegler", sagt Albrecht. Für den Laien war es ein Tschilpen. Doch man muss kein Vogelexperte sein, wie der Leiter des Fachbereichs Umwelt, um diese gefährdeten Vögel zu schützen. Es genügt sie zu dulden. An der Hauswand.
Herbert Berg verbringt seine Zeit gerne an dem Stromkasten an der Einmündung Große Heide/Storchenweg in Friedrichsdorf. Von dort aus hat einen idealen Blick auf die Häuserfronten im Storchenweg und damit auf bevorzugte Nistplätze der Mehlschwalben. Berg beobachtet sie nicht nur, er zählt sie. Früher sei er mit dem Fahrrad durch Friedrichsdorf gefahren und habe versucht, die Mehlschwalben am Himmel oder im Anflug auf ein Gebäude zu zählen. Doch mit dem Blick stets nach oben gerichtet, sei die Unfallgefahr zu hoch gewesen.
Berg gehört zur Arbeitsgruppe "Gebäudebrüter". Die ehrenamtlichen, von der Gütersloher Umweltstiftung unterstützten Vogelliebhaber kartieren den Bestand der gefährdeten Vogelarten, hauptsächlich Mehlschwalben und Mauersegler. Durch ihre Arbeit weiß man, dass es in Gütersloh nur noch etwa 200 Brutpaare der Mehlschwalbe gibt. "Bald sind sie eine Rarität", sagt Albrecht.
Aus diesem Grund wurden allein in Friedrichsdorf 17 Nisthilfen montiert, neun Doppel- und acht Dreifachkästen. Denn Mehlschwalben lieben Nachbarn, sind so genannte Koloniebrüter. Es bedarf natürlich eines gewissen Wohlwollens, um die Nester an der Hauswand zu dulden. Hausbesitzer Günter Sebald hat es. "Seit 1978 brüten die Schwalben jedes Jahr bei mir", verkündet er stolz. Er weiß, dass die Vögel ortstreu sind, gerne dorthin zurückkehren, wo sie selbst aufgezogen wurden.
Neben dem Hauseingang sind weiße Kotspuren zu sehen und auch das vor dem Haus geparkte Auto hat einige Spritzer abgekommen. "Ach das", winkt Sebald ab. "Nichts, was mit Wasser nicht zu entfernen ist".
Vier Nester hängen unter seinem Dachvorsprung, drei künstliche und ein Naturnest. Letzteres ist schon eine Rarität. Denn so geschickt Schwalben als Baumeister auch sind: Ohne geeignetes Material bröselt jedes Nest auseinander.
Kuhmist und Lehm - etwa aus Pfützen - sind die Materialien, die die Schwalben zum Bau brauchen. Beides gibt es in Gütersloh kaum noch. Berg berichtet, dass sich Schwalben gerne z.B. auf Reiterhöfen am Waschplatz für die Pferde mit "Baustoff" eindecken.
Der zweite Grund für die Gefährdung des einstigen "Allerweltsvogels" ist der menschliche Hang zum Perfektionismus, zumindest,was sein Eigenheim betrifft. Perfekt gedämmt gibt es an neuen oder sanierten Häusern kaum noch Ritzen oder Spalten, die etwa ein Mauersegler nutzen könnte. Gleichwohl wäre dies mit einem Minimum an Aufwand und ohne Schadensrisiko für das Gebäude möglich.
In der Häuserzeile am Storchenweg hat der Handwerker nicht exakt gearbeitet. Bei der nachträglichen Verklinkerung der Fassade hat er den letzten Stein unter dem Dach nicht mehr gesetzt und so ideale Voraussetzungen für Brutplätze geschaffen.
Aus dem Habichtsweg biegt ein älterer Herr in den Storchenweg ein. Die Nester an seinen Nachbarhäusern hat er mit Interesse zur Kenntnis genommen. "Wären Sie bereit . ..", setzt der stets nach toleranten Hausbesitzern Ausschau haltende Berg an. "Jederzeit", unterbricht ihn der Rentner. Für die Mehlschwalbe wird im kommendem Frühjahr also ein weiteres Häuschen angeboten - schlüsselfertig.