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02.03.2013
Halle
Mordfall Nelli Graf: "Er hat uns allen das Leben genommen"
Trauer bestimmt den Alltag der Hinterbliebenen
VON NICOLE DONATH

Die Trauer endet nicht | FOTO: NICOLE DONATH

Halle. Vor 18 Monaten verschwand in Halle die dreifache Mutter Nelli Graf. Trotz tausendfacher Gentests, monatelanger Ermittlungen und minutiöser Rekonstruktion des letzten Weges der 46-Jährigen gibt es keine Spur vom Täter. Für die Familie ist das kaum zu ertragen.

Auf den Straßen Halles stöhnen die Menschen dieser Tage übers Wetter oder schwatzen über das Neueste vom Ort. Der Fall Nelli Graf spielt im Nachbarschaftsplausch kaum noch eine Rolle. Nur in einem Haus dreht sich noch immer alles um den Mord vor 18 Monaten: bei Viktor Graf und seinen drei Kindern.
Das Verbrechen ist allgegenwärtig. Immer.

"Der Mörder hat nicht nur ihr das Leben genommen", sagt Natali Graf. "Er hat es uns allen genommen." Die 22-Jährige und ihr Vater sitzen nebeneinander auf dem Sofa. Ganz leise ist es im Haus. Selbst der Deckel des Klaviers ist geschlossen, nach Musizieren ist hier niemandem mehr zumute.

Info

Chronologie

  • Am 14. Oktober 2011 verlässt Nelli Graf mittags das Haus. Zwei Tage darauf wird ihr Rad gefunden.
  • Vier Monate später findet ein Landwirt ihre Leiche bei Halle-Kölkebeck.
  • Unter großer Anteilnahme wird Nelli Graf am 22. Februar 2012 in Halle beerdigt.
  • Massengentests, Fahndungsaufrufe über "XY. . . ungelöst", eine Belohnung für Hinweise: Nichts hat bislang zum Täter geführt.


Allein der kleine Mischlingshund Fiffi springt fröhlich durchs Zimmer und fordert Aufmerksamkeit. Natali Graf streichelt behutsam über sein Fell. Dann sagt sie, dass sie immer noch nicht fassen könnten, was geschehen sei. "Daran ändert auch die fortschreitende Zeit nichts. Der Schmerz ist immer da, und er ist immer gleich groß. Sie fehlt uns jeden Tag."

Viktor Graf, der mittlerweile wieder in seinem Beruf als Busfahrer arbeitet, nickt. Hinterm Steuer hat er viel Zeit zum Nachdenken. "Es sind immer dieselben Fragen", sagt er. "Über 7.500 Hinweise, aber nichts Entscheidendes." Keiner hat Nelli Graf gesehen am Tag, als sie verschwand. Nicht auf dem Weg vom Arzt nach Hause, nicht dort, wo ihr Weg mit dem Rad endete. Einfach nichts. "Durch ihre Arbeit an der Supermarktkasse kannten sie viele Menschen. Wenn wir durch die Stadt gingen, wurde sie oft gegrüßt. Aber ausgerechnet da hat sie niemand gesehen. Das gibt es doch gar nicht!"

Dabei ist inzwischen vieles bekannt über den 14. Oktober 2011, den Tag, als Nelli Graf verschwand. Sie hatte keine telefonische Verabredung. Nicht nur ihr Mobiltelefon wurde überprüft, auch der Provider, der alle Daten speichert. Auch die, die auf dem Endgerät gelöscht wurden. Ergebnis: kein Telefonat, keine SMS. Es hat keine vorherige Verabredung gegeben. Und Planung war bei Nelli Graf ohnehin schwierig: "Selbst wir wussten oft nicht, wie lange sie arbeitet", sagt Viktor Graf, "das hat sich häufig spontan ergeben."

Warum sie in der Mittagszeit mit dem Rad das Haus verließ? Bis heute gibt es dafür keine Erklärung. Dass seine Frau vielleicht mit dem Rad bis in ein kleines Wäldchen gefahren sein soll, um heimlich eine Zigarette zu rauchen – auch das gibt für Viktor Graf keinen Sinn. "Sie hätte doch im Garten rauchen können", sagt er und zeigt hinaus. "Da gibt es sogar eine kleine Hütte."Die Gedanken drehen sich im Kreis. Wollte Nelli Graf womöglich Mittagessen vorbereiten und ihr fehlten Zutaten? Unwahrscheinlich. Auf ihrem letzten Weg hatte sie kein Geld dabei. "Es ist zum Verzweifeln", sagt ihr Mann. "Für uns bleibt lange schon nur ein Schluss: Sie war ein Zufallsopfer."

Natalis jüngerer Bruder Jens geht inzwischen wieder zur Schule und hat die zehnte Klasse beendet; der große Bruder Waldemar hat wieder eine Anstellung und ist voriges Jahr sogar Vater eines kleinen Jungen geworden. "Wir haben ihn nach meinem verstorbenen Opa benannt", sagt er und lächelt nun ein wenig. Aber welches Ereignis bei den Grafs auch ansteht, so erfreulich es objektiv sein mag: "Über allem liegt immer ein Schatten", sagt Viktor Graf. "Uneingeschränkte Freude, die gibt es nicht mehr. Geburts- oder Festtage sind zu Gedenktagen geworden. Selbst mein Enkel muss leiden. Er wächst nun ohne Oma auf." Waldemar Graf versichert, dass seine Mutter den Kleinen nach Strich und Faden verwöhnt hätte. So wie sie einst die Familie umsorgt hat.

Diese Rolle übernimmt zurzeit Natali Graf, die als einzige tagsüber zu Hause ist. Ihren Job hat sie verloren. "Offenbar habe ich zu lange gefehlt", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Auch zur Abendschule ist sie nach dem Tod der Mutter zunächst nicht mehr gegangen: "In den ersten Wochen haben wir ja selber den ganzen Tag Polizei gespielt. Oma hat gekocht, und die ganze Verwandtschaft hat gesucht – während wir selber auch verdächtigt wurden."

Sie alle kennen die wilden Gerüchte, die in der Stadt erzählt wurden, ertrugen das Getuschel. Und müssen damit leben, dass der Täter noch immer unbekannt ist: "Allein die Gewissheit, dass Mama nicht mehr leiden musste oder irgendwo gefangen gehalten wird, hat uns nach dem 9. Februar 2012 einen Hauch von Trost gegeben."
Damals wurde, vier Monate nach dem Verschwinden von Nelli Graf, ihre Leiche gefunden.

Im Sommer will Natali Graf wieder zur Schule gehen und Fachabitur machen. Was ihr und ihrer Familie bleibt, ist der eine Wunsch: eines Tages dem Täter in die Augen zu schauen und zu erfahren, warum er das getan hat. "Wir glauben fest daran, dass die Mordkommission den Täter noch findet", sagt Natalie Graf. "Sie müssen ihn finden."

Fotostrecke
Halle: Der Fall Nelli Graf
 
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