Schloß Holte-Stukenbrock. Wenn André Winternitz seinem Hobby nachgeht, zieht er sich Sicherheitsschuhe mit dicker Sohle an. Manchmal nimmt er auch einen Bauhelm mit, bevor er in abbruchreife Häuser, verlassene Industrieanlagen oder stillgelegte Zechen geht, um dort mit der Kamera dem morbiden Charme des Verfalls nachzuspüren.
Wo andere Familienfotos hängen haben, prangt bei dem 33 Jahre alten Schloß Holte-Stukenbrocker eine Auswahl baufälliger Industriebauten – alle schwarz-weiß, weil "dann der atemberaubende Charme noch deutlicher wird".
Im Alter von 15 Jahren hat Winternitz begonnen, zu fotografieren. Erste Motive waren maritimer Natur. "Hafenanlagen, Kräne, Schiffe – das hat mir gefallen. Der blaue Himmel, die verschiedenen Farben des Meeres und dazu diese technischen Anlagen . . ." Fast zwangsläufig kam er mit dem Verfall in Berührung. Ein zerbrochenes Fenster, Schrauben, die vom Rost angefressen waren – André Winternitz war fasziniert.
Fast so wichtig wie das Fotografieren ist ihm die morbide Atmosphäre seiner Motive. "Dort, wo früher Hunderte von Menschen gearbeitet haben, wo Stimmengewirr die Luft erfüllte und Maschinen ihr metallisches Dröhnen hören ließen, ist es heute mucksmäuschenstill. "Das ist ein unbeschreibliches Gefühl", sagt Winternitz. "Man steht in einer großen Halle und kann hören, dass irgendwo ein Wasserhahn tropft. Noch extremer ist es im Winter, wenn der Schnee sich wie ein Leichentuch über die Bauten legt."
Ein Zeichen gegen Vandalismus
Seit zwei Jahren betreibt André Winternitz die Internet-Seite www.rottenplaces.de. Zwar sind dort alle Fotos schwarz-weiß abgebildet, aber über einen Link kommt man auf eine andere Plattform. Und dort sind die Fotos auch farbig zu sehen.
Das Projekt "Urbexers against Vandalism" ist international angelegt (www.urbexersagainstvandalism.com). "Wirkliche Erfolge kann man damit nicht erzielen, aber man kann sich von der Zerstörungswut distanzieren", sagt André Winternitz.– guh
Doch auch der Sommer hat für ihn seinen Reiz, wenn er dokumentiert, wie die Natur sich langsam aber unerbittlich ihr Terrain zurückholt. Da wachsen Bäume in Mauerspalten und aus unscheinbaren Pflänzchen, die in Ritzen im Asphalt wachsen, werden stattliche Büsche, deren Wurzeln die glatte Steinfläche sprengen. Winternitz bereitet sich gut auf seine Fotoausflüge vor. "Glücklicherweise teilt meine Lebensgefährtin mein Hobby und plant für uns die Touren."
Erster Rechercheansatz ist das Internet. "Da findet man eine ganze Menge." Bevor er zu einer Ruine fährt, versucht Winternitz den Eigentümer auszumachen und sich eine Fotoerlaubnis zu holen. "Da ist oft Überzeugungsarbeit zu leisten", sagt er. Manche Eigentümer freuen sich über sein Interesse, anderen muss er erklären, dass er weder irgendetwas anprangern, noch zerstören will. André Winternitz will nur den Ist-Zustand dokumentieren – und das möglichst ästhetisch.
Kommt das Thema auf Vandalismus, redet er sich schnell in Rage. "Unmöglich", findet er diese blinde Zerstörungswut. Um ein Zeichen zu setzen, hat er eine Internetaktion ins Leben gerufen. "Urbexers against Vandalism" heißt die Aktion, wobei Urbexers von Urban explorers (Stadterkundern) kommt.
Seine Fotos präsentiert Winternitz im Internet auf der Seite
www.rottenplaces.de. Dort sind alle Fotos in Schwarz-Weiß zu sehen, so, wie der Fotograf es selbst am liebsten mag. Mittlerweile ist ein Forum entstanden, in dem andere Hobbyfotografen ihre Erfahrungen beschreiben. Allen aber ist eines gemeinsam: Sie sind dem Charme des Verfalls verfallen.