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11.08.2011
SCHLOß HOLTE-STUKENBROCK
Schöne Aussichten
Ein Jahr "Cara Vita": Leben und arbeiten in einem Gebäude der besonderen Art
VON SABINE KUBENDORFF

Plausch vom Laubengang aus | FOTO: SABINE KUBENDORFF

Schloß Holte-Stukenbrock. "Wir brauchen noch einen dritten Mann!", schallt es von unten auf den Laubengang im ersten Stock herauf, aber Ursula Aufderheide sagt Margret Tölke, die einen Rommé-Partner sucht, ab. Sie ist gerade erst von einem Nordsee-Urlaub zurückgekehrt, ist braungebrannt, sieht erholt aus. Wenngleich sie mit ihren 82 Jahren gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe ist. Und das ist der Grund, weshalb sie im "Cara Vita" wohnt.

In dem großen Gebäudekomplex an der Hauptstraße/Ecke Lüchtenstraße leben seit einem Jahr Senioren in ihren eigenen Wohnungen, auf Wunsch betreut vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Fußpflege, Physiotherapie, Bäckerei mit Café sind im Haus.


Unten an der Hauptstraße hat Optiker Martin Cosack sein Geschäft, nebenan Immobilienmakler Simon Oekenpöhler sein Büro. Ein Ladenlokal weiter steht noch leer, "da müsste ein Friseur rein", wünscht sich Oekenpöhler. In der ersten Etage ist die Praxis von Kinderarzt Hosseini.

"Was wir hier an Kindern herumspringen haben. . .", sagt Dietlind Reichmann, "wunderbar." Die 75-Jährige ist mit ihrem Mann Heinz-Werner vor genau einem Jahr von Hamburg nach Stukenbrock gezogen, ihrer Tochter zuliebe. Die hatte ihnen eine der 38 Seniorenwohnungen besorgt. "Wir fühlen uns wohl hier", sagt die Hanseatin, "müssen uns aber noch mit der Mentalität der Menschen hier zurechtfinden."

Die Reichmanns waren davon ausgegangen, dass, wenn alle neu einziehen, schneller Kontakte zustandekommen. "Wir hatten nicht bedacht, dass die meisten Bewohner ja hier aus der Stadt stammen und ihren Freundeskreis haben", erinnert sich Dietlind Reichmann. "Es ist schwer, da reinzukommen." Und so nehmen auch die wenigsten Hausbewohner an den vom DRK angebotenen Spielenachmittagen teil.

Begeistert ist Dietlind Reichmann von den Stukenbrockern ("superfreundlich") und den Geschäften ("so viele Schlachter, das kennen wir aus Hamburg gar nicht"), und überlegt gerade, ob sie nicht zusammen mit ihrem Mann an der Heidefahrt der Stadtführer teilnehmen soll. Und sie freut sich auf das Sommerfest, das in Kürze in dem kuscheligen Innenhof stattfinden wird und auch als Kontaktbörse gedacht ist.

Die kurzen Wege im Haus werden von den Senioren geschätzt und genutzt, weshalb Margret Tölke auch gerade mal eben bei Martin Cosack vorbeischaut. Mit ihrer Uhr stimmt etwas nicht, Cosack ist auch auf dem Gebiet Fachmann. Er ist mit seinem Geschäft nur wenige Meter aus seinem Elternhaus ins "Cara Vita" (übersetzt: lebenswert) gezogen. "Es hat sich gelohnt", sagt er. Die älteren Herrschaften aus dem Haus gehören zu seinen Kunden ebenso wie die Mütter, die gerade vom Kinderarzt kommen, oder diejenigen, die den Besuch bei ihm mit dem im Café wenige Meter weiter verbinden.

Sein Nachbar und Kegelbruder Simon Oekenpöhler wollte eigentlich auch schon im Sommer vergangenen Jahres umgezogen sein. Dann wurde es aber doch der 11.11., für einen Karnevalisten wie Oekenpöhler ohnehin ein besonderer Tag. Zu seinen neuen (gewissermaßen) Mitbewohnern hat er "ein gutes Verhältnis", wie er sagt. "Wir grüßen uns mit einem freundlichen Hallo", wechseln auch schon mal ein paar Worte.

Für ihn hat sich das Arbeiten verändert. In seinem Elternhaus, ein Stück die Hauptstraße herunter, hat er im stillen Kämmerlein gearbeitet, jetzt tut er das hinter der Schaufensterscheibe im "Cara Vita" irgendwie öffentlich. Was auch gewollt war, denn Oekenpöhler gewinnt jetzt auch die Laufkundschaft. Deshalb kann er sich auch zufrieden in seinem Schreibtischstuhl zurücklehnen. "Ich bin richtig happy und zufrieden, habe nette Nachbarn, und das Geschäft läuft gut."


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