Schloß Holte-Stukenbrock. Es ist noch keine acht Stunden her, dass ich aus einer lärmenden Bielefelder Diskothek in die Kühle des noch jungen Neujahrstages gestolpert bin. Jetzt stehe ich nicht minder fröstelnd in einer hautengen Gummipelle am Ufer des Sennesees und ich frage mich, was ich hier eigentlich mache. Vor mir gähnt in der sonst massiven Eisschicht ein riesiges Loch. Und in genau das werde ich mich gleich für zehn Minuten hineinbegeben.
Das hat man nun davon, wenn man sich im Kollegenkreis brüstet, dass man in diesem Jahr nicht nur vom Neujahrsschwimmen der DLRG Schloß Holte-Stukenbrock und des TC Aquatica berichten will, sondern sich auch selbst in die Fluten wuchten wird. "Das ziehe ich durch!", gab ich noch tüchtig an, als ich auf die Ankündigung skeptische Blicke kassierte. Nun trete ich im Schnee von einem Fuß auf den anderen, fühle mich wie eine riesige, frierende Teewurst und blicke unschlüssig auf die dunkle Oberfläche des Sees. An Flucht ist nicht zu denken, es gibt für mich tatsächlich nur einen Weg: Und der führt in das wenig einladend wirkende Loch.
Die Idee und die Serie
Zehn Minuten, das sind 600 Sekunden – zehn Minuten, das ist die Zeit, die die Mitarbeiter der NW-Lokalredaktion Schloß Holte-Stukenbrock für diese Geschichte unterwegs sind.
Die Idee dahinter: Der Autor verbringt 10 Minuten an einem bestimmten Ort hier in Schloß Holte-Stukenbrock, lässt so ziemlich alles mit sich machen und schreibt dann darüber.
Alle 10-Minuten-Reportagen der Serie können Sie nachlesen im Internet unter www.nw-news.de/10minuten (bo)
Ich bin allerdings beileibe nicht der einzige Verrückte, der das neue Jahr mit einem beherzten Sprung ins nur 0,5 Grad kalte Wasser begrüßen wird. Insgesamt sind es 17 Leute, die zur Gaudi von rund 100 Schaulustigen bei der inzwischen traditionellen "Eismän-Challenge" am Neujahrstag in den Sennesee stiefeln. Knapp die Hälfte davon geht sogar noch einen Schritt weiter und verzichtet auf den Taucheranzug. Unter großem Hallo des Publikums jagen die nur mit Badehosen oder Badeanzügen bekleideten Eisschwimmer an mir vorbei ins Wasser. Die meisten laufen nach einer Runde im Loch ebenso schnell wieder hinaus. Andere, wie etwa Bruno Dobelmann, bleiben erheblich länger drin. "Es geht", sagt der Stuttgarter, der bereits den Ärmelkanal durchschwommen hat, nach etwa einer Viertelstunde: "Allerdings spüre ich meinen Bürzel nicht mehr."
Bei derart viel Härte kommt mir mein Wagnis beinahe schon etwas lächerlich vor. Trotzdem bin ich äußerst vorsichtig, als ich den rechten Fuß ins Wasser tauche. Und tatsächlich: Es geht, so schlimm ist es gar nicht. Ich wate etwas weiter und werfe mich schließlich hinein – ich bin drin. Und drin ist in diesem Augenblick auch das eisige Wasser, nämlich im linken Schuh des Tauchanzuges. Eine hastige Bewegung später rinnt es auch in den Kragen hinein und läuft den Rücken hinunter.
"Nichts anmerken lassen!" denke ich mir und mach ein paar Armzüge durch das 10 mal 5 Meter große Loch, das Thomas und Olaf Fleiter sowie Stefan Wullenkord von der DLRG tags zuvor eigens für das Neujahrsschwimmen in die Eisdecke gesägt haben. Langsam erwärmt mein Körper das eingedrungene Wasser, es wird erträglicher.
Einige Schwimmer beginnen nun sogar herumzualbern, hechten vom Rand oder klettern auf eine kreisrunde Eisscheibe, die als schwimmende Theke im Loch belassen wurde. Und irgendwann stelle ich verblüfft fest, dass die zehn Minuten längst um sind. "Das war’s schon?", frage ich den DLRG-Vorsitzenden Thomas Jurkschat etwas ungläubig. "Ja, und es war gar nicht so übel, was?", gibt der grinsend zurück.
Bei der anschließend in geselliger Runde verputzten Gulaschsuppe male ich mir in Gedanken schon aus, wie ich am Montag in der Redaktion von meiner Heldentat berichten werde. Bis mich Thomas Fleiter wieder ins hier und jetzt holt. "Nächstes Jahr schwimmst du dann nur in Badehose", sagt er in einem freundlich-verbindlichen Ton, der keinen Widerspruch duldet. Ich sage lieber nichts und nehme noch einen Löffel Suppe. Auch wenn die zehn Minuten durchaus erfrischend waren, von großspurigen Ankündigungen bin ich 2011 vorerst kuriert.