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22.11.2012
Verl
"Hoffen wir auf friedlichere Zeiten"
Eskalation der Gewalt im Nahen Osten beeinträchtigt Jugendaustausch des Droste-Hauses mit Israel
VON MATTHIAS GANS

"Oase des Friedens" | FOTO: NEVE SHALOM/WAHAT AL-SALAM

Verl. Karl-Josef Schafmeister ist die Sorge um seine Freunde in Israel deutlich anzumerken. Der Leiter des Jugendaustauschs im Verler Droste-Haus hat den Ausdruck einer E-Mail vor sich liegen, die ihn am vergangenen Montag erreicht hat. Darin berichtet eine gute Freundin von einem Raketenangriff, den sie bei einem Besuch des französischen Botschafters in Jaffa hautnah erlebt hat – und knapp überlebt.

"Nachrichten aus einem verrückten Land" steht in der Betreffzeile. Das wirkt umso verzweifelter, da die Absenderin in Neve Shalom/Wahat al-Salam wohnt, was übersetzt "Oase des Friedens" heißt (siehe Infokasten). Doch der Terror des Nahost-Konflikts hat längst auch das genau zwischen Tel Aviv und Jerusalem gelegene "Friedensdorf" erreicht. Im Juni hatten radikale Siedler das Örtchen überfallen, rassistische Parolen an Häuserwände geschmiert und Autoreifen zerstochen. "Die Bewohner haben auf die einzig mögliche Weise reagiert", sagt Schafmeister. "Sie haben in einer gemeinsamen Aktion die Parolen weggewischt und anschließend ein Fest gefeiert."

Info

Das Friedensdorf "Neve Shalom"

Neve Schalom (hebräisch) oder Wahat al-Salam (arabisch) heißt übersetzt "Oase des Friedens" und ist vom katholischen Priester Bruno Hussar 1972 gegründet worden. Es liegt an der Hauptverkehrsstraße zwischen Jerusalem und Tel Aviv in der Nähe von Latroun. Das Dorf wird von derzeit rund 50 jüdischen und arabischen Israelis bewohnt, die zeigen wollen, dass Juden und Palästinenser in guter Nachbarschaft friedlich zusammen leben können. Sie setzen sich miteinander für Gleichberechtigung und Verständigung zwischen beiden Völkern ein.

1979 wurde eine zweisprachige Grundschule mit Kindergarten und Mittelstufe gegründet. Sie vermittelt Kindern aus dem Dorf und der Umgebung Zugang zu beiden Kulturen und deren Wertschätzung. Die "Friedensschule", eine überregionale Bildungsstätte, führt arabische und jüdische Jugendliche und Erwachsene aus Israel und weiteren Ländern in Seminaren zu Begegnung und Verständigung zusammen. Das Friedensdorf wird moralisch und finanziell unterstützt von einem Netzwerk von Freundeskreisen in verschiedenen Ländern. www.nswas.org

Das vertrauensvolle Verhältnis untereinander lassen sich die Dorfbewohner jüdischen und muslimischen Glaubens nicht nehmen. Doch sie verzweifeln zunehmend an der politischen Entwicklung ihrer Heimat Israel. "Ich kann nicht verstehen, wie viel Geld investiert wird, um Werkzeuge zur Tötung von Menschen zu produzieren", schreibt die Freundin an Schafmeister. "Wir im Gegensatz halten uns mit unserer friedenspädagogischen Arbeit kaum über Wasser."

Schafmeister ist nicht nur als Vorstandsmitglied des in Berlin ansässigen Freundeskreis Neve Shalom/al–Salam mit Israel verbunden. Auch als Leiter des Jugendaustauschs für den Kreis Gütersloh, der über das Verler Droste-Haus organisiert wird, hat er ständig Kontakt nach Israel – zu Neve Shalom, aber auch anderen Einrichtungen.

Der Austausch verläuft allerdings auf einer Einbahnstraße: Gruppen aus Israel sind regelmäßig in Verl. Doch ein Gegenbesuch ist seit Jahren nicht möglich. Auch wenn er selbst persönlich immer wieder nach Israel fährt und die Gefahrenlage aus eigener Anschauung nicht als so unmittelbar bedrohlich erlebt, gelten für den Austausch andere Maßstäbe: "Wir sind für die Sicherheit der Jugendlichen verantwortlich", sagt Schafmeister.

Was es bedeutet, dass nicht mehr so viele junge Menschen aus dem Kreis Gütersloh nach Israel fahren, wie es früher noch der Fall war, bemerkt auch der Verler. Das Wissen um die besondere Beziehung zwischen Deutschland und Israel aufgrund der gemeinsamen Geschichte sei nicht mehr so im Bewusstsein verankert wie bei den älteren Generationen. Auch die pauschale Zuweisung der "Schuld" an dem Nahost-Konflikt an Israel, die von immer mehr Deutschen geäußert wird, hält Schafmeister für äußerst bedenklich.

"Die Lage ist ist tatsächlich viel komplexer", sagt er und meint damit nicht nur die unterschiedlichen Stimmen und Bedrohungen aus dem arabischen und palästinensischen Raum, sondern auch die innere Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft. Und der arabische Frühling, etwa in Ägypten, habe nicht nur Positives gebracht, sondern auch für politische Instabilität im Nahen Osten gesorgt. "Diese vielen verschiedenen Linien machen diesen Konflikt so schlecht beherrschbar. Und das ist deprimierend."

Umso mehr sieht er es als seine Aufgabe an, den Menschen in Neve Shalom zu sagen: "Das ist nicht sinnlos, was Ihr macht. Denn wenn Ihr es nicht tut, macht es keiner mehr." Dieser Mut scheint dort noch zu existieren. Wie heißt es am Ende der Mail? "Hoffen wir auf friedlichere Zeiten! Shalom, Salam."


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