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30.12.2012
Bünde
Dietrich von Bodelschwingh und seine vielen Projekte und Pläne
Häuser bauen, Mauern einreißen – ein Porträt
VON MEIKO HASELHORST

Alte Technik | FOTO: MEIKO HASELHORST

Bünde. Er trägt einen großen Namen, ist Urenkel von Friedrich von Bodelschwingh. Nach seinen theologischen Studienjahren schien sein zukünftiger Lebensweg vorgezeichnet – doch alles kam anders. Manche Menschen haben eine seltsame Art, ihre eigenen Verdienste in Worte zu fassen. Dietrich von Bodelschwingh ist so einer. "Man kann sagen, ich bin gescheitert", findet der 73-Jährige und dreht einen großen Hut aus Lindenholz in seinen Händen, den er vor einigen Monaten in Weißrussland als Auszeichnung bekommen hat. Dann legt er die kunstvolle Schnitzarbeit mit der Öffnung nach oben auf den Küchentisch. "Viel zu groß für meinen Kopp", sagt er. "Ich nehme ihn als Obstschale."

Info

Für grünen Strom in Belarus

  • Zwei Windräder hat der Verein bereits vor 10 Jahren errichtet. Bisher ist im ganzen Land nur ein weiteres entstanden. ´Die Räder liefern mehr als eine Million Kilowattstunden Strom, der an die Energiebehörde verkauft wird.
  • Mit solchen Leuchttürmen ist "Heim-Statt Tschernobyl" in Weißrussland zu einer anerkannten Institution für regenerative Energien geworden.
  • Präsident Alexander Lukaschenko setzt trotzdem auf die atomare Karte.
  • Demnächst soll ausgerechnet in der Nähe von Drushnaja das erste Atomkraftwerk Weißrusslands entstehen. (hazl)


Gescheitert, weil der große Hut nicht passt? Bodelschwingh lacht. "Weil ich nicht das geworden bin, was mein Umfeld von mir wollte, und auch nicht das, was ich mir selbst mal gedacht hatte", sagt er und zuckt mit den Schultern. Und das ist gut so, möchte man hinzufügen. Ohne dieses vermeintliche Scheitern hätten viele Menschen in Weißrussland kein Zuhause – oder nur ein radioaktiv verseuchtes.

Dietrich von Bodelschwingh ist Spross eines alten westfälischen Adelsgeschlechtes, sein Urgroßvater war Friedrich von Bodelschwingh, Namensgeber und prägender Gestalter der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld. Geboren wurde er 1939 auf dem Familiensitz Haus Velmede bei Kamen. Sein Vater war Landwirt, von 1953 bis 1965 Bundestagsabgeordneter für die Kreise Unna und Hamm. Nach der Schule in Kamen studierte Bodelschwingh Theologie in Bethel, Tübingen, Heidelberg und Münster. "Das lief alles recht unscheinbar und selbstverständlich auf den Beruf des evangelischen Pfarrers hinaus", erinnert er sich. "Und danach vielleicht Bethel." Adel verpflichtet, mit diesem Nachnamen erst recht.

Meistens ist er in Bewegung

Bodelschwingh nippt an einer Tasse Kaffee und lehnt sich im Sessel zurück, ein Luxus, den er sich nur selten gönnt. Meistens ist er in Bewegung, auch mit 73 noch. Ein Ruhe- und Rastloser – der trotzdem eine angenehm beruhigende Ausstrahlung hat.

Sein Studium führte ihn 1965 nach London. Dort lernte er die Musiker-Familie von Jehudi Menuhin kennen. "Die Freundschaft führte mich zu einer Bekehrung, weg von der Kirche und hin zum Dienst am Menschen", sagt er. Mit Jehudis Schwester Hephzibah und ihrem Mann, dem Sozialpsychologen Professor Richard Hauser, beteiligte sich Bodelschwingh an Projekten im Hafengebiet Londons, zählte zahllose Wohltätigkeitsorganisationen.Über hundert Gruppen waren dort engagiert, unter ihnen viele kirchliche, die aber – wie Menuhins Schwester sagte – keine Veränderung brachten, sondern denen ihre Wohltat vor allem selbst gut tat. Der Kommentar von Hephzibah: "Hier wird unheimlich viel geliebt, aber wenig respektiert und nichts verändert."

"Noch besser ist Hilfe durch Selbsthilfe"

Diese Worte wiesen Bodelschwingh den Weg in eine neue Lebensausrichtung. "Liebe, gerade die christliche, musste unter dem Aspekt des Respekts und der Auswirkungen neu buchstabiert werden", erklärt er und wirkt dabei so euphorisch, als habe er das soeben erst für sich entdeckt. Der Satz "Geben ist seliger denn Nehmen", so Bodelschwingh, sollte statt des Gebenden den Nehmenden im Blick haben. "Geben ist nur selig, wenn der Nehmende gleichfalls zum Gebenden wird. Hilfe zur Selbsthilfe mag ein Ansatz sein. Noch besser ist Hilfe durch Selbsthilfe. Soziales Engagement muss zur Aktivierung führen, der soziale Akteur muss in den Hintergrund treten, ist nur Ermöglicher", sagt von Bodelschwingh und schaut, als wolle er prüfen, ob sein Gegenüber die komplexen Gedankengänge nachvollziehen kann.

Unter besagter Ausrichtung wurde er in seinem bleibenden christlichen Grundverständnis zu einem Randgänger der Kirche. Zurück in Deutschland, initiierte er 1967 in Rüsselsheim in einer neuen Trabantenstadt ein Gemeindeaufbauprojekt, das zu vielfältigen Bürgeraktivitäten führte. Darauf rief ihn die Dortmunder Kirche, um soziale Probleme im Ruhrgebiet aufzugreifen.

Es folgten Projekte mit Obdachlosen, Prostituierten und anderen Randgruppen. Eines Tages berief man den "roten Pastor" zum Leiter des Diakonischen Werkes Dortmund-Lünen, "ins Establishment", wie er es nennt. Spannende Jahre mit Auswirkungen der 68er-Bewegung: Umwandlung der klassischen Kinderheime in familienähnliche Wohngruppen, Errichtung von Diakoniestationen in den Stadtteilen, Aufbau problemorientierter Sozialarbeit.

Bekannt geworden als "Lehmpastor"

1985 kommt es zu einer ungeplanten Wendung. Bodelschwinghs Aufmerksamkeit wird auf ein eingeschlafenes Projekt im Kreis Herford gelenkt: die "Heimstätte Dünne". Großonkel Gustav hatte dort vor knapp 100 Jahren eine Siedlung aus Lehmhäusern gebaut. Die als Missionar in Afrika erlernte Technik hatte er auf das wirtschaftlich gebeutelte Deutschland der 1920er Jahre übertragen. Menschen sollten sich selbst helfen, indem sie sich – in gemeinschaftlicher Arbeit – mit der überall vorhandenen und kostenlosen Erde ein Haus bauten. Der später als "Lehmpastor" bekannt gewordene Ahne war offenbar zu ähnlichen Schlüssen gekommen wie 40 Jahre später sein Großneffe: Hilfe durch Selbsthilfe. Nach anfänglichen Misserfolgen entstanden in der Region und im Ruhrgebiet etwa 500 einzelne Lehmhäuser – und die Siedlung der Heimstätte Dünne.

Dietrich von Bodelschwingh mag keine halben Sachen: Mit immerhin schon 46 Jahren ließ er sich vom Kirchendienst für fünf Jahre beurlauben und zog mit seiner Frau und drei heranwachsenden Kindern in eines jener Lehmhäuser. Mit drei anderen Familien lassen sie alles hinter sich und entwickeln eine kleine, zeitlich befristete Lebensgemeinschaft nach dem Vorbild der Taizé-Kommunität. "Wir teilten alles, was wir hatten, versteckten Asylsuchende, bauten mit Langzeitarbeitslosen und leistungsgeminderten Menschen Lehmhäuser in gemeinsamer Handarbeit", erzählt er und gießt sich einen zweiten Kaffee ein. "Eine bewegende Zeit." Als hätte es in seinem Leben je ruhige Zeiten gegeben.1990 übernahm er bis zum vorgezogenen Ruhestand 1999 noch einmal die Leitung eines Bethel-Ablegers, der Diakonie Freistatt in Niedersachsen. Gleichzeitig sollte es einen weiteren Aufbruch geben: Just nach dem Fall der Mauer machte die Familie mit Freunden eine Fahrradtour durch Weißrussland. Die Reise war geplant als Suche nach den Spuren des 2. Weltkriegs, aber aus der Erinnerungsreise wurden die Radler in die brutale Gegenwart der Folgen von Tschernobyl gerissen. Sie lernten Opfer der Nuklearkatastrophe kennen. Der Wind hatte in jenen Tagen des Jahres 1986 einen Großteil der Strahlung per Regenwolken ins benachbarte Weißrussland transportiert.

Verein "Heim-Statt Tschernobyl" gegründet

Die Bodelschwinghs und einige Mitstreiter waren sich einig: "Hier sind wir gefordert." Das war der Beginn dessen, was heute viele als Bodelschwinghs Lebenswerk sehen. Die Gruppe gründete – in Anlehnung an die Heimstätte Dünne – den Verein "Heim-Statt Tschernobyl". Der Plan: Besonders schwer betroffene Familien aus den verstrahlten Regionen des Landes sollten sich in Selbsthilfe und mit Hilfe vieler Freiwilliger im strahlungsfreien Teil neue Häuser bauen.

Man begann auf freiem Feld, ohne Baugenehmigung und Kenntnis der Behörden. Geld stand kaum zur Verfügung. Aber da gab es ja die preisgünstige Lehmbautechnik seines Großonkels. Was in Afrika und Ostwestfalen ging, musste doch auch in Belarus funktionieren. Lehm gab es dort schließlich auch. Und wirklich: Mit leicht abgeänderter Technik entstanden Jahr für Jahr – und mittlerweile auch mit dem Segen der Behörden – immer neue Häuser.

Heute sind es zwei Siedlungen, Drushnaja und Stari Lepel – 60 Häuser, Werkstätten, Kirchen und vielfältige Gemeinschaftsaktivitäten drumherum. Möglich wurde das, weil sich nicht nur Hunderte von Bauhelfern fanden, sondern noch mehr Menschen, die sich mit Spenden und Anteilnahme beteiligten. Aus einem Hilfsprojekt wurde eine Solidaritätsaktion. Von Bodelschwingh baute mit seinem Verein nicht nur Häuser, er riss auch überflüssige Mauern ein – in den Köpfen der Menschen. 2003 wurde die Organisation mit dem Marion-Dönhoff-Förderpreis für Völkerverständigung ausgezeichnet.

Freunde errichteten eine Schilfplatten-Produktion

Zur Isolierung der Häuser errichteten Freunde und ein eigens gegründetes Partnerunternehmen eine Schilfplatten-Produktion, direkt am nahegelegenen größten See des Landes. "Die Wasserqualität wird verbessert, und die Schilfernte beschäftigt im Winter auf dem zugefrorenen Eis etliche Menschen", erklärt von Bodelschwingh.

Trotz allen Erfolgs zieht er sich nun zurück. "Ich habe die Arbeit in jüngere Hände gegeben", sagt er. Das Alter? Von wegen. "Palästinenser in von Israel besetzten Gebieten und Roma-Familien in Ungarn sind neue Herausforderungen", sagt von Bodelschwingh. Auch dort gibt’s Menschen in Not, auch dort gibt’s Lehm. Der Mann hat noch viele Pläne. Nicht schlecht für einen Gescheiterten.
  



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