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24.11.2012
Enger
Friedhof kann lebendig sein
REPORTAGE: Mit dem Friedhofsgärtner unterwegs

Lieblingsstück | FOTOS: DAGMAR HÖNER

Enger. Ein kalter Tag im November, der Himmel grau verhangen. Die letzten Blätter fallen auf nasse Wege und frisch geharkte Gräber. Kein Vogel singt, nur der Verkehrslärm rauscht von der nahen Straße herüber. Totensonntagsstimmung auf dem Friedhof. Und doch herrscht gerade jetzt hier Hochbetrieb. Die Friedhofsgärtnereien haben im November jede Menge zu tun.


Ein knallgrüner Minitraktor rattert durchs Friedhofstor, passiert drei Leih-Schubkarren aus Alu und eine gähnend leere Mulde. Bei den Gießkannen geht’s links ab, dann weiter vorbei an frisch gepflanztem Heidekraut und verwelkten Blumenkränzen mit bedruckter Schleife: In Liebe, Ein letzter Gruß. Der Traktor hält auf einem geharkten Kiesweg, hinter zwei großen Buchen. Hier ist für die nächsten zwei Stunden der Arbeitsplatz von Friedrich Kamp.

Er packt die mitgebrachten Schaufeln und Spaten, einen kleinen Baum und drei Säcke Torf neben das hell eingefasste Rechteck eines Grabes, auf dem Azubi Sebastian Brunzlik bereits Laub fegt. Sie werden dort einen Wacholder pflanzen, ein Blütenband legen und einen Grabstein setzen. "Gräber neu zu gestalten, das macht mir am meisten Spaß", sagt Friedrich Kamp. Der 25-jährige Friedhofsgärtner ist in den Betrieb seiner Eltern hineingewachsen; seit ein paar Jahren kümmern sie sich gemeinsam um Friedhöfe in Enger und Herringhausen, aber auch darüber hinaus. "Wir sind im ganzen Kreis tätig", sagt der ausgebildete Agrarbetriebswirt. Insgesamt pflegt die Firma Kamp zwischen 200 und 300 Grabstellen.

Info

Totensonntag

Der Totensonntag oder auch Ewigkeitssonntag ist der letzte Sonntag vor dem ersten Advent und damit der letzte Sonntag des Kirchenjahres.

In der evangelischen Kirche ist er in Deutschland und der Schweiz ein Gedenktag für die Verstorbenen.

Der Totensonntag ist in allen deutschen Bundesländern durch Feiertagsgesetze besonders geschützt, beispielsweise durch das Verbot von Musikaufführungen in Gaststätten. (dh)

Gearbeitet wird immer dort, wo gerade Arbeit anfällt. In der Woche vor Totensonntag ist das vor allem in der Kranzbinderei - mit dem Friedhofstraktor sind es nur zwei Minuten bis dorthin. Der helle Raum mit dem großen Fenster, zwei grellen Neonröhren an der Decke und einem Schränkchen mit unzähligen Schubladen in der Ecke ist das Reich seiner Mutter Doris. Etliche Zangen und Scheren liegen auf der abgeschabten Arbeitsplatte, in hohen Gefäßen wartet grün ummantelter Bindedraht auf seine Bestimmung. Jetzt, in den vier bis fünf Wochen vor Totensonntag, arbeite sie von morgens bis abends hier, sagt Doris Kamp. Über 100 Kränze müssen gebunden werden. "Im Moment bin ich darum echt platt", sagt sie.

Eine Stunde braucht sie, um einen Kranz aufzubauen. Dafür umkleidet sie zunächst einen einen Strohkranz mit reichlich Tannengrün. Anschließend werden unterschiedliche Schmuckelemente darauf gesetzt.

"Der Klassiker ist ein Römerkranz mit Kopfgarnierung", sagt sie und zeigt auf einen Kranz mit Tannenzapfen und Trockenblüten. Er ist nur einer von vielen, die sie in den letzten Wochen gefertigt hat. Jetzt liegen alle nebeneinander ausgebreitet in dem alten Gewächshaus gegenüber der Kranzbinderei. "Meistens kommen die Kunden, suchen sich einen Kranz aus und lassen ihn bis Totensonntag zurücklegen", sagt die gelernte Finanzwirtin und zeigt auf die vielen unterschiedlichen Modelle. Überwiegend Stammkunden sind es - Doris Kamp kennt sie seit 20 Jahren mit Namen und in der Regel weiß sie auch, was sie wollen. "Große Überraschungen gibt es da nicht." Dennoch - auch das Trauergeschäft ist Moden unterworfen. "Im Moment ist Buntes stark im Trend", sagt die 56-jährige und zeigt auf einen Kranz in Rot, Weiß und Beige ganz am Ende der langen Reihe. Ihr Lieblingskranz: "Weil der so schön lebendig ist!" Die neuen Trends hat sie sich auf zahlreichen Fortbildungen und Exkursionen angeeignet.

"Friedhof kann lebendig sein", ist ihr Credo. Auch und gerade an einem fahlen Novembertag.



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