Kantorenhaus an der Jakobi-Kirche wird denkmalgerecht saniert und wieder vermietet
Herford. Wie so viele Fachwerkhäuser wurde das alte Kantorenhaus an der Jakobikirche in den 1970-er Jahren mit einem Gummihaut-Anstrich überzogen. Die fatalen Folgen zeigten sich Jahrzehnte später: Das Holz konnte nicht atmen und begann an vielen Stellen unter dem Anstrich zu faulen. Im Herbst wollen Gemeinde und Kirchenkreis den Bau durch eine fachgerechte Restaurierung wieder in ein Schmuckstück verwandeln, das auch die nächsten Jahrhunderte überdauern kann.
Die Regie für die Sanierung liegt beim Kirchenkreis-Architekten Günther Bollert, der sich mit der Denkmalschutz-Behörde abstimmt: "Wir gehen von einer Teilsanierung des Fachwerks aus." Das Haus wird also nicht vollständig entkernt. "Das Gummi muss runter. Die Fassade wird eine andere Anmutung bekommen - nicht mehr so synthetisch." Die Fenster müssen indes nicht ersetzt werden.
"Das Haus ist ein Prachtstück. Wenn man etwas Liebe dazu hat, kann man es mit Bepflanzung besonders schön fertig machen." Darauf freut sich Gemeinde-Pfarrer Hartmut Hermjakob .
Die Wohnungen im Haus sollen neu zugeschnitten werden. Nachträglich eingezogene Wände werden entfernt. Entstehen könnten eine große und zwei kleinere Wohnungen. Sie sollen frei vermietet werden.
Die noch unbezifferten Kosten für die Sanierung werden aus dem Miethaushalt der Finanzgemeinschaft des Kirchenkreises bestritten.
Wie alt das Kantorenhaus genau ist, weiß Pfarrer Hermjakob nicht: "Die alten Kirchenakten lagern im Bielefelder Archiv. Im Brandregister von 1706 wird ein Haus Nr. 844 erwähnt." Laut Denkmalliste stammt der heutige Bau aus dem 18. Jahrhundert. Als Adresse wird die "Löderstraße", die Straße der Lohgerber, angegeben. "Der Bau wurde sicher von Anfang an als Kantorenhaus der Radewiger Gemeinde errichtet", glaubt Hermjakob. "Der Kantor war damals immer auch der Lehrer. Im Haus war also sicher auch das Klassenzimmer der Schule zu Radewig. Das Haus wurde mehrfach genutzt. Der Kantor hat aus finanziellen Gründen sicher auch untervermietet, denn sein Gehalt war nicht so üppig." Auch einen Gemüsegarten habe es im Schatten der Kirche gegeben.
Den ersten Kantor hat die Gemeinde wohl im 17. Jahrhundert oder früher gehabt, meint Hermjakob. St. Jakobi war bis ins 16. Jahrhundert eine Pilgerkirche am Jakobsweg nach Santiago de Compostella.
1530 ließ der Rat die Kirche schließen, weil man inzwischen die Pilger als Landplage empfand. 1590 wurde St. Jakobi als evangelische Kirche wieder geweiht - daran erinnert alljährlich im Advent das Radewiger Kohlfest.
Nach dem Krieg, so hat Hermjakob von einer Zeitzeugin erfahren, wohnte im Haus das Kantoren-Ehepaar Gerd und Margarete Krefis mit Familie. Sie beherbergten auch verwandte Kriegsflüchtlinge, so dass zeitweise 20 Menschen zusammen wohnten. In der Nachkriegszeit sollte das Gebäude zugunsten eines Parkplatzes abgerissen werden. Dazu ist es, im Gegensatz zu anderen historischen Quartieren, zum Glück nicht gekommen.
Als letzte reguläre Kantorin hat bis 1998 Annette Lindenkamp im Kantorenhaus gewohnt. Mit dem Ruhestand zog sie aus. St. Jakobi hat inzwischen nur noch eine Neun-Stunden-Stelle für Chor und Orgelspiel. Seit 1999 wurde das Haus daher frei vermietet. Im vergangenen Jahr zog die letzte Mieterin aus. Nun gibt es für das Kantorenhaus einen neuen Anfang.