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29.03.2012
LÖHNE
Lebensgefährliches Spiel mit Strom
Bundespolizei ermittelt nach Unglück auf dem Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs
VON PATRICK MENZEL UND ANN KATHRIN WIESINGER

Am Ort des Unglücks | FOTOS: PATRICK MENZEL

Löhne. 15.000 Volt fließen durch die Oberleitungen der Bahn. Dieser tödlichen Gefahr kamen am späten Dienstagnachmittag zwei 12 und 13 Jahre alte Kinder zu nahe, als sie von einer Bahnüberführung auf dem Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs in Löhne-Ort Gegenstände auf die Leitungen warfen und einen Funkenschlag auslösten. Wie Rainer Kerstiens, Sprecher der Bundespolizei in Münster, mitteilte, hat der 12-Jährige Verbrennungen zweiten und dritten Grades davongetragen. Er ist mittlerweile außer Lebensgefahr.

Dienstag, kurz nach 17 Uhr: Die beiden Jungen sind auf dem stillgelegten Bahngelände zwischen der Drehscheibe und dem ehemaligen Stellwerk unterwegs. "Wir wissen nicht, was die Kinder dort gemacht haben", sagt Kerstiens. Aber es gibt eine Vermutung: Die Bundespolizei stellte bei ihren Ermittlungen Kabelreste im Gleisbett sicher. Womöglich wollten die Kinder mit den Kabeln die Oberleitungen treffen. "Dadurch haben sie den Mindestabstand zur Oberleitung unterschritten", sagt Kerstiens. Gefahr droht, sobald man der Leitung, aus der die E-Loks der Bahn ihren Fahrstrom beziehen, näher als 1,50 Meter kommt. Vermutlich hat der 12-jährige die Starkstromleitung gar nicht direkt berührt, sondern ist ihr nur zu nah gekommen. Dadurch sprang der Strom wie ein Blitz auf die beiden Jungen über.

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"Ich habe einen gewaltigen Knall gehört, dann Kindergeschrei. Ich wusste gleich, dass etwas nicht stimmte", schildert Gerda Niehus, deren Garten an das Bahngelände grenzt. Gemeinsam mit ihren Töchtern Claudia und Heike lief sie zu der Bahnüberführung. "Rechts und links der Gleise stand das trockene Gras lichterloh in Flammen, mittendrin die beiden Jungen", schildert die Rentnerin die dramatischen Szenen. Sofort wählte Niehus den Notruf.

Minuten später trafen dutzende Rettungskräfte, Beamte der Landes- und Bundespolizei und ein Notfallmanager der Bahn am Ort des Unglücks ein. Sofort kümmerten sich Notärzte um die beiden Verletzten. Aufgrund der Schwere der Verbrennung ließen sie den 12-Jährigen per Rettungshubschrauber in die Medizinische Hochschule Hannover fliegen. Nach einer Nacht auf der Intensivstation gaben die Ärzte gestern Entwarnung. "Der Junge hat die kritische Phase überstanden, er ist außer Lebensgefahr", sagt Rainer Kerstiens.

Für die Dauer der Rettungsarbeiten sperrte die Bahn etwa eine Stunde lang die Bahnstrecken zwischen Löhne, Herford und Kirchlengern. "Von der Sperrung waren insgesamt 16 Züge betroffen. Reisende mussten Verspätungen zwischen 10 und 30 Minuten hinnehmen", teilte Bahnsprecher Dirk Pohlmann auf Anfrage der Neuen Westfälischen mit. Wer für die Kosten, die durch die Vollsperrung der Bahntrasse entstanden sind, aufkommt, ist noch unklar. "Wir müssen zunächst die Ermittlungen abwarten", so Pohlmann.

Elektrische Entladungen dieser Art sind kein Zufall. Die 15.000 Volt in den Hochspannungsleitungen der Bahn versuchen wie jede Kraft einen Ausgleich herzustellen. Je geringer der Abstand zwischen den Leitungen und Boden ist, desto höher ist die Gefahr eines Lichtbogens. Kommt jemand den Leitungen zu nahe, fließt der Strom wie bei einem Blitz durch die Luft und dann durch den Körper. Innere und äußere Verbrennungen sind die Folge.

Fälle wie der vom Dienstagnachmittag sind nach Angaben der Bundespolizei selten. Dennoch müsse Kindern und Jugendlichen die Gefahr deutlich gemacht werden. "Bahnanlagen sind kein Abenteuerspielplatz", warnt Kerstiens und setzt auf Eigenverantwortung. Schließlich könnten Bahnstrecken nicht eingezäunt und überwacht werden. Zur Aufklärung führt die Bundespolizei regelmäßig an Schulen Veranstaltungen durch.


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