Brakeler Madrigalchor gelingt brillante OWL-Uraufführung eines lange vergessenen Oratoriums
Brakel. Fünf Minuten lang brandete der Applaus auf. Die mehr als 300 Zuhörer hatten sich von den Plätzen erhoben und feierten in der Brakeler St.-Michael-Kirche den Madrigalchor, Orchester und Solisten mit stehenden Ovationen. Dem Brakeler Traditionschor war am Sonntag ein großer Triumph gelungen.
Mehr als 100 Jahre lang war das Oratorium "Die letzten Dinge" des Kasseler Komponisten Luis Spohr (1784 bis 1859) nicht mehr aufgeführt worden. Erst 2009 war anlässlich des 150. Todestages eine neue Noten-Partitur des Werks erschienen, durch die dieses Werk, das als das bedeutendste der vier Oratorien Spohrs gilt, wieder ins Bewusstsein zurückgekehrt ist.
Harmonisches Miteinander | FOTO: BURKHARD BATTRAN
Aus aufführungstechnischer Sicht handelt es sich um ein komplett neues Werk. Zwar gab es bereits eine umjubelte Neu-Premiere in Kassel, aber es gibt keine Referenzaufnahmen, wie sie bei der Erarbeitung etablierter Werke die Regel sind. Für diese Produktion hat der Madrigalchor echtes Neuland betreten. Diese Leistung kann nicht hoch genug bewertet werden. Selbst für professionelle Ensembles ist die Erarbeitung einer Uraufführung immer eine besonders große Herausforderung.
Umso schwieriger ist diese Aufgabe für einen Laienchor, dessen Sängerinnen und Sänger nicht so gut ausgebildet sind: Dass sie einmal aufs Blatt gucken und die meisten Fragen geklärt sind. Hier hat Chorleiter Hans-Martin Fröhling ganze Arbeit geleistet. Er hat seinen 70 Sängerinnen und Sängern das Werk ausgezeichnet vermittelt. Kraftvoll, selbstbewusst und mit einer spürbaren Freude an diesem Werk, präsentierte sich der Madrigalchor dem Publikum. Auch die Abstimmung mit dem 30-köpfigen Hannoveraner Begleitorchester Opus 7 klappte hervorragend. Es gab nur eine einzige gemeinsame Probe mit allen Beteiligten, doch von Unsicherheit war nichts zu merken. Dirigent Fröhling hatte die mehr als 100 mitwirkenden Sänger und Instrumentalisten jederzeit kontrolliert im Griff.
Mendelssohns "Lobesang"
- Nach dem Konzert ist vor dem Konzert: In Kürze beginnen die Probenarbeiten des Madrigalchors für die Jahresaufführung 2013. Am 13. Oktober soll zusammen mit dem Kammerorchester Werningerode Mendelssohns "Lobesang"-Sinfonie zur Aufführung gebracht werden.
- Darüber hinaus ist der Madrigalchor eingeladen worden, am 22. Dezember 2013 in der Corveyer Abteikirche Josef Gabriel Rheinbergers oratorisch-balladeske Weihnachtskantate "Der Stern von Bethlehem" aufzuführen.
- Der Madrigalchor freut sich auch über neue Mitglieder. Die Proben sind immer montags um 19.30 Uhr in der Aula der Grundschule Brakel (Klöckerstraße).
- Die Proben für die Mendelssohn-Sinfonie beginnen am Montag, 3. Dezember. www.madrigalchor-brakel.de
Die Gesangssolisten hatten diesmal weniger zu tun, als bei anderen Oratorien-Aufführungen. In seinen "Letzten Dingen" hat Spohr weitgehend auf das Wechselspiel von Rezitativ und Arie verzichtet. Stattdessen kommt dem Chor eine viel tragendere Rolle zu. Der Madrigalchor wurde der Herausforderung des Werkes in jeder Weise gerecht. Besonders die mächtigen Finalsätze, wie das "Gefallen ist Babylon" oder die Solo-Wiederholung "Selig sind die Toten" zeugten von dem außerordentlich guten Werkverständnis und dem hohem gesanglichen Niveau des Madrigalchors.
Auch die Solisten der Aufführung machten viel Freude. Bassbariton Markus Krause (Bremen) überzeugte mit konzentriert routinierten Rezitativen, obwohl das Werk für ihn nicht minder neu gewesen sein musste. Vor allem aber gefiel der Bonner Tenor Patrick Henckens (44). Mit seinem farbigen und stets transparenten Ton, verlieh Henckens den Solopassagen feierlichen Glanz. Aber auch die Frauenstimmen wussten zu überzeugen. Vor allem die Duette von Sopran Catalina Bertucci (Detmold) und Mezzosopranistin Marie-Sande Papenmeyer (Oldenburg) waren Höhepunkte der Aufführung, da diese beiden Stimmen auf eine ganz besondere Weise miteinander harmonierten.