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26.11.2012
Höxter
Was Kinderaugen zum Leuchten bringt
VON MARTINA SCHÄFER

Nicht ohne Kekse

Höxter. Es riecht zwar noch ein bisschen nach frischer Farbe, aber ansonsten wirkt alles rundum neu im schön verzierten Hütteschen Haus direkt am Tor zur Altstadt Höxters. Bis zuletzt haben Dr. Corinna Wodarz und ihre fleißigen Helfer im mehrstöckigen Weserrenaissance-Gebäude aus dem 16. Jahrhundert gearbeitet, damit das neue Museum rechtzeitig Einzug halten kann. Und die mehrjährige privat gestemmte Schönheitskur hat sich gelohnt, denn was die Besucher in dem liebevoll renovierten  "Museum im Hütteschen Haus (MHH)" erwartet,  sind künftig spannende Reisen durch wechselhafte Epochen der Kulturgeschichte.


Info

Das Hüttesche Haus     

Das denkmalgeschützte Haus gehört zu den ältesten Gebäuden Höxters, wurde 1565 erbaut.
 
Vieles liegt in der Geschichte im Dunkeln. Im Winter 1910 fiel es einem Brand zum Opfer, anschließend wurde es wieder aufgebaut.


Seitdem die dienten Räume im Erdgeschoss als Ladenlokal vorwiegend für Kunsthandwerk, im Obergeschoss waren zwei Wohnungen untergebracht und im Dachgeschoss einzelne ausgebaute Zimmer.

Leider verfiel das Denkmal in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend, bis 2010 Corinna Wodarz sich an die Renovierungsarbeiten machte. (mars)

Gleich die erste Ausstellung, die nun eröffnet wurde, passt natürlich zur kommenden Adventszeit. Die Schau stimmt ein auf das Fest der Wünsche, der leuchtenden Kinderaugen, auf selbstgebackene Plätzchen und glitzerndem Tannenschmuck. Unter dem Titel "Morgen kommt der Weihnachtsmann. Weihnachten mit Kinderaugen von 1900 bis 1980" ist in sechs unterschiedlichen Räumen zu sehen, wie das Fest der Feste in früheren Jahrzehnten gefeiert wurde, welche Wünsche sich für Kinder erfüllten und welche auch unerfüllt blieben. Sieben Inszenierungen machen auf den 100 Quadratmetern Ausstellungsfläche mit festlicher Dekoration sowie mit unterschiedlichen Wohnwelten bekannt.

Mehr als 500 Exponate, zum größten Teil Spielzeug, zeigen in großen Vitrinen, was wirklich unter dem Tannenbaum gelegen hat. "Die Kinder vergangener Generation hatten Wünsche, die heute als selbstverständlich gelten und damals nur in wohlhabenden Familien erfüllt wurden", hat Corinna Wodarz im Laufe ihrer langen Ausstellungstätigkeit herausgefunden.

Puppen, Zinnfiguren und Blechspielzeug


Denn die Geschenke fielen gerade um die Jahrhundertwende meist sehr dürftig aus. "Da konnten sich die Kinder freuen, wenn sie ein paar neue Schuhe bekamen oder ein eigenes Bett, welches dann nicht mit den Geschwistern geteilt werden musste", erklärt die Kunsthistorikerin, die in Deutschland zu den größten Sammlerinnen von Alltagsdesign zählt.

Ganz oben auf dem Wunschzettel standen Puppen, Zinnfiguren, Schaukelpferd oder Blechspielzeug. Für die Kinder aus ärmeren Familien blieben diese Wünsche unerfüllt, in den gutbetuchten Häusern waren sie dagegen kein Problem.

Entbehrung, Armut, NS-Terror und Krieg bestimmten auch die nächsten Jahrzehnte, in denen Weihnachten ebenfalls mit wenigen Geschenken, oft mit Selbstgebasteltem, auch was den Tannenschmuck anging,  gefeiert wurde. Die Inszenierung im zweiten Museumsraum spiegelt die düstere Stimmung wider. Im schwarzen Kostüm sitzt die traurige Ehefrau und Mutter vor dem Bild ihres an der Kriegsfront kämpfenden Mannes. Ein wenig abseits steht der kleine Sohn ganz einsam an einem Schaukelpferd. "Die Kinder teilten sich das Wenige, was da war", so Corinna Wodarz.Mit der Währungsreform 1948 änderte sich dann alles: Nicht nur ein Geschenk lag auf dem Gabentisch, sondern gleich mehrere. Das Wirtschaftswunder hinterließ seine Spuren – das erste Lego kam auf den Markt, Puppenstuben, kleine Spielherde, Nähmaschinen Eisenbahn und Autos füllten die Kinderzimmer. "Die Kinder spielten nach wie vor ganz geschlechterspezifisch", so Corinna Wodarz.

Die folgenden Jahrzehnte standen ganz im Zeichen des Konsums. Weihnachten entwickelte sich zunehmend zu einer Geschenkindustrie, "was früher mehrere Kinder bekamen, erhielt nun häufig ein Kind." Die Helden aus Film und Fernsehen ließen Kinderaugen strahlen. Ob Bond-Auto, das Bonanza-Buch oder die Figuren von Walt Disney sowie Wum und Wendelin vom "Großen Preis" begeisterten den Nachwuchs.

Das steigerte sich noch in den siebziger Jahren, als der Kunststoff seinen Siegeszug antrat. Die Geschlechterrollen wurden im Zuge der antiautoritären Erziehung immer mehr aufgebrochen. Jungen und Mädchen spielten mit Puppen und Autos.  Barbie, Playmobil, die Carrerabahn oder die Schlümpfe waren die Renner. Dazu kamen Bastelspiele, Schallplatten und Bücher.

Die Ausstellung gibt tiefe Einblicke in die Geschenkkultur vergangener Zeiten, präsentiert aber auch historischen Weihnachtsschmuck in seiner Vielfalt. Schön ist, dass das neue Museum die Vitrinen nicht überlädt, sondern übersichtlich in den einzelnen Räumen gestaltet. Die Inszenierungen geben den vorherrschenden Zeitgeist wieder. Außerdem kann sich der Besucher noch ausführlich anhand der Zeittafeln über das frühere Weihnachten informieren.

Die Stadt Höxter, soweit steht in dieser gelungenen Premiere fest, ist um eine kulturelle Attraktion reicher. "Höxter kann so ein Museum gut gebrauchen", sagt Corinna Wodarz dann auch selbstbewusst.

Nach der Winterpause, die vom 30. Dezember bis 24. März geplant ist, stehen die Ausstellungen "Nierentisch und Petticoat. Ein Bummel durch die 50er Jahre" sowie "Art Deco Keramik: Im Spannungsfeld von Bauhaus und Tradition" von August bis Dezember an.

Weitere Infos: Die Ausstellung ist bis zum 30. Dezember im Museum im Hütteschen Haus, Nicolaistr. 10, in Höxter, zu sehen. Tel. (0 52 71) 9 51 66 40, Öffnungszeiten: Mo. u. Di. geschlossen, Mi. u. Fr. 10-12 Uhr u. 14-17 Uhr, Do. 14-19 Uhr, Sa. u. So. 10- 17 Uhr und nach Vereinbarung, am 24. u. 25. Dezember geschlossen, am 26. Dezember 14-17 Uhr. Im Netz: www.höxter-museum.de


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