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10.06.2013
Kreis Höxter/Schönebeck
Wenn die Sirene geht, heißt es laufen
Hochwassergebiete: Helfer aus dem Kreis Höxter schuften bis zum Umfallen
VON SIMONE FLÖRKE

Hand in Hand und gut gelaunt | FOTOS: THOMAS KUBE (2)/DLRG/THW

Kreis Höxter/Schönebeck. "Viel Wasser – viele Sandsäcke": Kurz und knapp beschreibt Zugführer Daniel Menne von der DLRG Brakel die Eindrücke gestern am frühen Abend im Hochwassergebiet nahe Schönebeck südlich von Magdeburg: Wie die Wasserretter so schuften auch die Feuerwehrleute und die Mitglieder des Technischen Hilfswerks im Kampf gegen das Wasser. Wenig Schlaf – viel Arbeit.

DLRG
"Manpower ist gefragt", sagt Menne. Der Pegel der Elbe falle zwar, doch die Deiche seien so stark aufgeweicht, dass sie in einigen Bereichen noch nicht einmal mit ihren Booten von der Seeseite an die schwammigen Dämme heranfahren könnten. "Alles, was an den Deich schlägt, schädigt ihn noch weiter", erklärt Menne, der zusammen mit fünf weiteren Kameraden aus Brakel, fünf aus Natzungen und zweien aus Warburg an dem Alt-Arm der Elbe im Einsatz ist. Und auch Rückschläge hinnehmen muss: Zwei Tage hätten sie südlich von Magdeburg an einem Wassergraben gearbeitet, das Wasser aber letztlich nicht aufhalten können.

"Der Einsatzbereich wurde geflutet. Aber ich sehe das so: Wir haben den Menschen hier zwei Tage Wasser im Haus erspart." Nun sei man an einer anderen Stelle an einem Elb-Deich aus dem Jahr 1780. "Und toi toi toi: Er hält." Die Stimmung sei bestens, sagt der Zugführer. Er weiß aber noch nicht, wie lange er und seine Kameraden im Einsatz bleiben werden. Helfer aus Brakel, Natzungen oder Peckelsheim – insgesamt zwei DLRG-Züge aus Westfalen – sind nachalarmiert. Beeindruckt ist Menne von der Solidarität der Menschen.

Feuerwehr

Das bestätigt auch Steinheims Wehrleiter Willi Schrenner, der bei den rund 70 Einsatzkräften der Feuerwehr aus dem Kreis Höxter – insgesamt 140 aus dem Hochstift – seit Freitagabend dabei ist. Als Verbandsführer: "Die Menschen packen an. Ganze Familien, Mann und Maus füllen Sandsäcke bis Mitternacht und sind am nächsten Morgen wieder da." Gemeinsam ringen sie um jeden Meter Deich. Schrenner: "So etwas habe ich noch nicht gesehen. Und die Menschen haben immer ein freundliches Wort für uns."

Untergebracht sind die Feuerwehrleute in einer Grundschule, 25 Menschen mit Schlafsäcken in einem Klassenraum. "Sehr gut – das stille Örtchen ist allerdings nur für Kinder gedacht", scherzt Schrenner. Nach der Ankunft am Freitagabend seien sie gleich an die Arbeit gegangen. Zwei Einheiten sicherten am Samstag das örtliche Krankenhaus mit Sandsäcken, halfen im Ort mit Barrieren und Pumpen. Nach 36 Stunden war am Samstagabend für eine Nacht Ruhe. "Wir wollen nicht, dass Unfälle passieren, sondern alle Kameraden heil nach Hause bringen."Am Sonntagmorgen um 8 Uhr ging’s wieder los: Alarm. Wasser an der Oberkante des aufgeweichten Deichs. Nur weil elbabwärts bei Groß Rosenburg ein Damm der Saale gebrochen sei und damit Entlastung brachte, sinke der Elb-Pegel in dem Vorort von Schönebeck, erklärt der Steinheimer Wehrführer. Bis 19.30 Uhr gestern Abend sollten alle vier Züge mit Muskelkraft gegen die Risse im Deich mit Sand und Folien ankämpfen. "Wir haben schon rund 30.000 Sandsäcke verbaut", so Schrenner gestern. Dann wurden zwei Züge zum Schlafen geschickt, die in der Nacht die beiden anderen am Deich wieder ablösen sollten. "Wir sind derzeit hier in diesem Deich-Abschnitt allein verantwortlich", sagt Schrenner und lobt die Motivation: "Ich bin so stolz auf die Jungs und Mädels."

Insgesamt fast eine Million Sandsäcke wurden allein in Schönebeck verbaut – nicht immer mit Erfolg, am Samstagnachmittag brach ein erster Deich, Wassermassen flossen in die Innenstadt.

Am Sonntag stand die Deichsicherung auf der östlichen Elbseite im Fokus. Vielerorts stand das Wasser knapp unter der Oberkante. "Alle Fahrzeuge stehe in Fluchtrichtung", sagt Schrenner. Denn wenn die Sirenen heulen, müssen sie alles stehen und liegen lassen und schnellstens von dort verschwinden. Dann bricht der Deich.

THW
In Bitterfeld und in Schönebeck sind die Kräfte des Technischen Hilfswerk (THW) vom Ortsverband Höxter, bei dem am Freitagnachmittag die erste zehn Helfer gen Osten aufgebrochen waren, berichtet der Höxteraner Ortsbeauftragte Thorsten Götz, der bereits 2002 beim Hochwasser an der Elbe bei Stendal half und nun die Einsätze von Höxter aus koordiniert. In Schönebeck mussten mit Elektro-Tauchpumpen Gebäude leergepumpt werden.

Am Sonntag gegen 1 Uhr kam bei ihm die nächste Alarmierung an. Um 5.15 Uhr früh fuhren dann sieben weitere THW-Helfer der Fachgruppe Wassergefahren in Höxter los. Nach Bitterfeld. Mit schwerem Gerät und sechs Meter langen Booten, die sich als Pontons eignen und 1,5 Tonnen Last tragen können, berichtet Gruppenführer Ralf Götz am Sonntagnachmittag aus Bitterfeld. "Die Lage ist entspannt." Der Rückbau der Notquartiere – Behelfsunterkünfte, in denen Bewohner von zwei Altenheimen und andere Zwangsevakuierte untergekommen waren – laufe. "Sie können in die Wohnungen zurück." Die Höxteraner THW-Helfer rechneten damit, dass sie nun in die Stadt Aken verlegt würden, wo sich die Situation verschärft habe. Ralf Götz: "Arbeit ist immer da. Die Stimmung ist gut, die Helfer sind motiviert. Da kann man auch mal lächeln."
      

Austausch am Dienstag

Vorsorglich wird bei der Feuerwehr im Kreis Höxter an der Zusammenstellung einer Ablöse-Truppe für die Helfer an der Elbe gearbeitet. "Eine Vorbereitungsmaßnahme", sagt Kreisbrandmeister Rudolf Lüke. "Wir sammeln Namen auf Listen, um rechtzeitig vorbereitet zu sein, die Kräfte vor Ort im Hochwassergebiet austauschen zu können." Am Freitag bei der Abfahrt der Helfer war von einem Einsatz von zwei bis fünf Tagen die Rede gewesen.

Nun wird’s wohl länger dauern. Man plant mittlerweile für diese gesamte Woche. Am Dienstagabend sollen 80 bis 85 Prozent der Feuerwehrkameraden aus dem Kreis Höxter ausgetauscht werden, berichtet Verbandsführer Willi Schrenner. "Dann sind die auch fertig." Es gebe eine große Bereitschaft der Kameraden im Kreis zur Hilfe, sagt Kreisfeuerwehrchef Lüke, der diese Ablöse koordiniert und heute Abend nochmals mit seinem Stab zusammenkommt, um den Austausch zu organisieren.

Mit gecharterten Bussen sollen die frischen Helfer samt Führungskräften gen Osten transportiert werden, die erschöpften Kameraden kommen dann damit zurück.

"Die Neuen können dann Fahrzeuge, Geräte und Betten übernehmen." Rudolf Lüke ist stolz auf die Truppe: "Sie wissen, wofür sie das tun. Wir alle sind in die Feuerwehr gegangen, um Menschen zu helfen. Und genau das machen wir jetzt."(sf)



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