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11.11.2012
Marienmünster
Ein Juwel der westfälischen Orgellandschaft
Restaurierung der Johann-Patroclus-Möller-Orgel nach 25 Monaten abgeschlossen
VON HEINZ TROMPETTER

Millimeterarbeit | FOTOS: HEINZ TROMPETTER

Marienmünster. Vor mehr als zweieinhalb Jahrhunderten wurde sie in ihrem barocken Gewand auf die Empore der damaligen Benediktinerabtei Marienmünster erhoben. Heute ist sie, rein äußerlich gesehen, größer, aber auch farblich faszinierender geworden. Innen wie außen. Ein Juwel der westfälischen Orgellandschaft, die Johann-Patroclus-Möller-Orgel, ist restauriert.

Die delikate Aufgabe, hier das Bestmögliche restauratorisch herauszubilden, wurde von der fachlich hochgeschätzten französischen "Manufacture d’orgues Muhleisen" übernommen. Ein weltweit renommiertes Orgelbauteam, das die dreimanualige Orgel mit ihren bisher 42 (jetzt 44) klingenden Registern nach 25 Monaten quälender Rekonvaleszenz, wieder in ihren quellenmäßig belegten Originalzustand zurückgeführte. Das heißt auch, dass die vor vielen Jahren abhanden gekommenen zwei Pedalregister jetzt wieder in das Instrument eingebaut wurden.

Wenn die Orgel am Freitag, 23. November, bei einem Festgottesdienst um 17 Uhr von Monsignore Andreas Kurte als Offiziant, die Weihe empfängt und unter den Händen des Detmolder Musikprofessors Gerhard Weinberger die gregorianische Antiphon "Gaudens gaudebo in Domino" - "Voll des Frohlockens bin ich im Herrn" erstmals erklingen lässt, hat die St.-Jakobus-Kirchengemeinde Marienmünster sowie die Orgellandschaft Westfalen wieder ein Instrument, dem der liebevolle Beiname "Königin" mit Fug und Recht gebührt.

Bei der von Johann Patroclus Möller in Marienmünster geschaffenen Orgel (1736 bis 1738) handelt es sich nicht nur um ein historisch bedeutsames Instrument, sondern zugleich um eines der best erhaltenen Zeugnisse des barocken Orgelbaus in Westfalen. Ein besonderes Kennzeichen Möllerscher Klangästhetik, so auch der Orgel in Marienmünster, ist nicht zuletzt die Tatsache, dass alle Register-Lagen vom 16- bis 1 Fuß vertreten sind. Sie wurde zwar im laufe der Jahrhunderte immer mal repariert und in Teilen auch erneuert, doch blieben wesentliche "Innereien" trotz aller Eingriffe erhalten.

Ein Glücksfall für den Erhalt der Orgel war von 1843 bis 1890 der damalige Lehrer, Organist und Orgelexperte Albert Bollens. Die Schulchronik Albert Bollens berichtet, dass im Jahr1854 bei den Bauarbeiten der beiden Kirchtürme der Abteikirche, die Orgel unter "offenem Himmel" stand. Bollens war es auch, der auf minutiöser Art, nicht nur jegliche Reparatur protokollierte, sondern zusätzlich Vorschläge vorbereitete, welche für die nachfolgenden Ausführenden, bis heute, von großer Wichtigkeit sind.Die Sanierung war dringend notwendig. Zum einen zeigten nicht nur denkmalschützerische Gesichtspunkte im Vorfeld der Auftragsvergabe, wie vielfältig anfallenden Restaurierungsarbeiten sind. Denn das Ziel der Orgelrestaurierung war die Rückführung auf den vermuteten Originalzustand. Kein leichtes Unterfangen. Zum anderen waren auch Sicherheitsgründe obligat. Es galt, die bis zu 60 Kilogramm schweren Prospektpfeifen 16- und 8 Fuß zu sichern. Sie drohten herabzufallen. Als dauerhafteste Lösung begegnete man der Gefahr mittels Anbringung von Stahlseilen und Metallstreben.

Für die Werkstatt der "Manufacture d’orgues Muhleisen" begann bereits vor Auftragsvergabe. Unter der Leitung von Orgelbaumeister Patrick Armand und in Zusammenarbeit mit Professor Christian Ahrens startete das "Projekt" Marienmünster im März 2010. "Kein Artikel oder Foto hat mich erahnen lassen, welche Atmosphäre der Ruhe und des Gleichgewichtes von diesem Ort ausgeht", so schwärmt, auch heute noch, Patrick Armand. Er sei sofort von dem guten Zustand des Pfeifenwerkes überrascht gewesen. Armand weiter: "Ich verbrachte zwei Tage damit, alle Teile des Instrumentes genau zu untersuchen und mich mit Professor Christian Ahrens über das Restaurierungsprojekt auszutauschen".

Mehr noch als die dekorative Seite interessiert den heutigen Betrachter allerdings das aufwendige Innenleben, das musikalische Temperament der nun fertig gestellten Orgel. Die Beschreibung der Einzelheiten fällt notgedrungen etwas fachlich aus. Zunächst ging es primär darum, die vorhandenen Register klanglich zu konservieren. Bei genauem Hinsehen kann man bereits die mechanische Spieltraktur erkennen sowie Teile der Abstrakten, welche nachher die Verbindung zu den Ventilen in der Windlade herstellen. In den vor Ort ausgebrannten Rasterfeldern wartet der noch nicht genauestens intonierte Pfeifenbestand der Orgel. Intonateur Jean-Christophe Debély ist zusammen mit dem Orgelstudent Victor Weller dabei, den kleinsten Ton "d" des Pedal-Posaunenregisters 16 Fuß, auf "Ansprache" zu beleuchten. Nach Überprüfung von "Kopf, Nuss und Krücke" kürzt Debély mittels Blechschere den Zungenbecher und bringt somit den Ton in die gewünschte Stimmung.

So vielseitig wie der Klang einer Pfeifenorgel ist auch ihre handwerkliche Herstellung: Der Orgelbauer muss ein guter Tischler und zugleich Metallarbeiter sein und muss ziemlich viel von der Feinmechanik verstehen. Er muss die vielen tausend Pfeifen, über die eine Orgel oft verfügt, richtig und in richtiger Abstimmung aufeinander berechnen können. Obendrein soll er (natürlich) musikalisch sein, und dazu ein vorzügliches Gehör besitzen.

Der Spieltisch in Marienmünster ist auf den ersten Blick ein wahres Kunstwerk in sich. Drei Klaviaturen (Manuale) stehen dem Ausübenden zur Verfügung. Der Spieltisch ist neu und eingebettet in die mit Schleierbrettern ausgeschmückten Prospektwände. Barocke, kreisrunde Motive verzieren die schwarzen Ebenhölzer der Untertasten. In den Vorderseiten der Klaviaturwangen sind, nach Blütenmotiven des Schmiedeeisernen Gitters im Chorraum, kunstvolle Intarsien eingelassen.Als ein weiteres Glanzstück ist das mit durchbrochenen Motiven geschaffene Notenpult aus Nussbauholz, ein Geschenk der Orgelbaufirma Mühleisen an die Gemeinde St. Jakobus. Vom Edelsten auch die handgedrechselten Registerzüge mit den aus Pergament beschrifteten Registerschildchen. Bestaunenswert ist die Mächtigkeit der vier, nach historischen Vorlagen gefertigten Blasebälge aus Tannenholz. Das ausgewählte Schafsleder wurde hier auf historisch übliche Weise (chromfrei) gegerbt und mit Hinzunahme von Haut- und Knochenleim aufgezogen.

"Diese Orgel hat von mir", so Patrick Armand, "mehr Arbeit abverlangt, als ein neues Instrument, da es bei fast jeder Pfeife ein anderes Problem gab. Jedes Mal musste ich reagieren und darauf eine Antwort finden".

Yves Schultz ist einer der über 20 Mitarbeiter der Elsässer Orgelbaufirma in Marienmünster. Sein Fazit seiner über zweijährigen Arbeit in der Abtei Marienmünster bringt es auf den Punkt: "Ich konnte nicht verhindern, jeden Abend von einem Gefühl des Stolzes bewegt zu werden, wenn ich beim Verlassen der Kirche die Orgel betrachtete."


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