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24.11.2012
Warburger Land
Flucht aus der Gewalt
Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen: Isabell fand Ruhe im Frauen- und Kinderschutzhaus
VON CARMEN PFÖRTNER

Möchte anderen Frauen Mut machen | FOTO: CARMEN PFÖRTNER

Warburger Land. Sie wurden geschlagen, gedemütigt, terrorisiert. Wenn Frauen Schutz im Frauenhaus suchen, ist das menschliche Maß des Erträglichen schon weit überschritten. Isabell (40) erfährt seit langem häusliche Gewalt – vom Vater, vom ersten Ehemann, vom zweiten Ehemann. Seit knapp vier Monaten lebt sie im Frauenhaus im Kreis Höxter. Und zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen möchte sie andere ermutigen: "Habt Mut zu gehen – egal mit welchen Konsequenzen."

Info

Tag und Nacht

  • Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) ist stets auf Spenden angewiesen, um auch Frauen ohne die finanziellen Mittel aufnehmen zu können. "Mit 25 Euro ermöglichen die Spender den Frauen einen Tag und eine Nacht Sicherheit im Frauen- und Schutzhaus", sagt Helga Niemöller.
  • Die Notfallnummer des Schutzhauses, das rund um die Uhr erreichbar ist: Tel. (01 71) 5 43 01 55. (cap)


Für diese Erkenntnis habe sie lange gebraucht. Jetzt sitzt die 40-jährige Isabell (Name geändert) im Büro des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) Warburg und lächelt. Es ist kein schüchternes Lächeln, sondern ein selbstbewusstes. Das knallige Pink ihres Schals drückt die Lebensfreude aus, die Isabell gerade von Tag zu Tag zurückgewinnt. "Ich verstehe noch immer nicht, wie er es geschafft hat, mir, als sechsfache Mutter, komplett das Rückgrat zu brechen."


"Isabell ist eine Überlebenskünstlerin", sagt Helga Niemöller, Leiterin des Frauenhauses. Wie alle Frauen, die im Schutzhaus angekommen sind. Vier Mal hat Isabell bereits Zuflucht in Frauenhäusern in ganz Deutschland gesucht. Sie spricht oft von einer "Gewaltspirale" – erst im eigenen Elternhaus, dann bei zweien ihrer drei Ehemänner. "Ich habe die Gewalt ausgehalten, weil ich meinen Kindern nicht den Vater nehmen wollte", sagt Isabell.

Die Überwindung, in ein Schutzhaus zu gehen, sei extrem hoch. "Beim ersten Mal habe ich mich gescheut. Man fühlt sich gedemütigt." Und die Momente, in denen man doch wieder zurückgehen will, kämen oft. "Es gibt immer wieder die Hoffnung, dass es besser wird", sagt Helga Niemöller. Das Zurück zum Mann sei kein Scheitern, auch wenn das in der Gesellschaft immer so gesehen werde. "Frauen geben Männern so viele weitere Chancen, bis für sie der Endpunkt erreicht ist", sagt Niemöller.

Für Isabell ist er das jetzt. "Das Wichtige, auch für Isabell, ist die Zeit an einem sicheren Ort, um zu regenerieren", erklärt Niemöller. Diese Zeit würden sich viele Frauen nicht nehmen – oder nicht bekommen. "Behörden und Gerichte melden sich sehr schnell. Die wollen, dass Entscheidungen Tempo haben." Gerade dann sei der Weg zurück zum Mann, zurück in den vermeintlich einfacheren Alltag, zu schnell gegangen. Für Isabell sei allerdings viel wichtiger gewesen: "Hier werde ich nicht verurteilt. In keiner meiner Entscheidungen." Das schlimmste sei, wenn die eigenen Eltern nicht einsähen, dass Gewalt nicht richtig ist. Eine Entschuldigung vom Vater hätte gereicht – aber die kam nie. "Wenn Väter wüssten, was sie ihren Töchtern damit antun", sagt Isabell nachdenklich. Ihren eigenen Kindern will sie das ersparen. Doch auch ihre Tochter habe bereits Gewalt in der Beziehung erfahren.

Insgesamt kann das Frauenhaus acht Frauen und zehn Kinder aufnehmen. Eine Nacht kostet 25 Euro. Für Isabell kein Problem, für viele andere Frauen schon. Jedes Jahr bleibt das Frauenhaus auf Kosten von rund 10.000 Euro sitzen. Nicht nur das Frauen- und Kinderschutzhaus, auch im gesamten Kreis Höxter bräuchten Frauen-Beratungsstellen mehr finanzielle Unterstützung. "Nachts sind die Frauen ganz allein im Haus – wenn ein Notfall eintritt, müssen erst Mitarbeiterinnen anfahren, teilweise aus Paderborn", sagt Niemöller.

Im kommenden Jahr soll es endlich eine Hotline geben. Die Hoffnung ist, dass mehr Frauen sie auch nutzen. Laut Polizeistatistik sind in diesem Jahr 100 Frauen im Kreis Höxter Opfer häuslicher Gewalt geworden – die Dunkelziffer liegt weit darüber. Und meistens hätten jene Frauen, die ins Schutzhaus kämen, keine Anzeige erstattet, so Niemöller.

Isabell bekam Hilfe von der Polizei – Nachbarn hatten die gerufen. Sie selbst, ohne Handy, ohne Wohnungsschlüssel, war nur noch Opfer der Machtspielchen ihres Mannes. "Es sind noch immer die Frauen, denen die ganze Verantwortung zugeschoben wird", kritisiert Isabell.

Zehn Jahre nach Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes habe sich viel zum Positiven entwickelt, betont Niemöller. Und trotzdem gibt es Fälle wie Isabells: Sie hatte keine andere Wahl, als die gemeinsame Wohnung zu verlassen. "Eine Anzeige bringt nichts – die Männer sind schneller wieder da, als man gucken kann." Isabell fordert, dass Männer mehr in die Pflicht genommen werden. Und sie möchte andere Frauen ermutigen: "Habt keine Angst vor dem Gefühlschaos." Denn sie weiß mittlerweile für sich: "Gewalt ist nicht das, was ich will. Das ist nicht mein Leben."



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