FACEBOOK-AUFRUF: Klaus Twiste erinnert sich an Bürgerprotest vor 20 Jahren gegen die Giftmülldeponie
Bühne/Körbecke. "Unglaublich, was wir damals alles gemacht haben": Klaus Twiste schüttelt lächelnd den Kopf. Der 51-Jährige aus Bühne erinnert sich nach dem Aufruf in der NW, über die Facebook-Gruppe (siehe Info) Geschichten aus der Geschichte der Region zu schicken, an die Zeit vor 20 Jahren. Als in Bühne und den Nachbarorten im Herbst 1992 der Protest gegen die geplante Giftmülldeponie auf dem Areal zwischen Bühne und Körbecke hochkochte.
Facebook-Gruppe
- Wilhelmine, die Kolumnenschreiberin der Neuen Westfälischen, hat bei Facebook die Gruppe "Du lebst schon lange im Warburger Land, wenn . . ." gegründet – für Nostalgiker, Melancholiker und alle, die das Warburger Land einfach gern haben.
- Die mittlerweile mehr als 920 Mitglieder teilen dort Fotos, Erinnerungen und Anekdoten rund um den Desenberg und die Börde.
- Zu erreichen ist die Gruppe über den Beitrag vom 20. Juli auf www.facebook.com/nwwarburg
Und in einer Demonstration mit mehr als 6.000 Teilnehmern beim Regierungspräsidenten Stich in Detmold gipfelte. Letztendlich wurde Anfang 1994 der Erfolg des Widerstandes gefeiert: Die Mülldeponie wurde nicht gebaut. Geblieben ist die Bürgerinitiative Lebenswertes Bördeland und Diemeltal, die damals gegründet wurde und rund 3.500 Mitglieder zählte. Klaus Twiste, Bühner-Urgestein, erzählt von der ersten Bürgerveranstaltung, als der damalige stellvertretende Landrat Heinrich Müller in der Alsterhalle informierte: Die Gemarkung sei einer von mehreren möglichen Standorten. Schürf-Arbeiten, mit denen die Durchlässigkeit des Bodens überprüft werden konnte, sollten folgen. Twiste: "In Bühne waren und sind wir Widerstand gewohnt – zuletzt vor der Schließung der Grundschule." Damals sei man vom Thema Deponie vollkommen überrascht worden. Schon am nächsten Tag wurden auf dem Hof von Wilfried Waldeyer die ersten Protest-Plakate gemalt und im und am Dorf aufgestellt.
Gegenüber der Kirche entstand das "Kampfbüro", ein ehemaliger Laden, der zum Versammlungsort der wachsenden Protestgemeinde wurde. Als diese immer größer wurde, entschloss man sich im Oktober 1992, die Bürgerinitiative zu gründen. "Wir wollten keine Polit-Profis im Vorstand", berichtet Twiste. Er selbst wurde gewählt und ist bis heute BI-Mitglied.
Im Kampfbüro trafen sich Hausfrauen und Mütter ebenso wie Profi-Ökos. Sie alle wollten verhindern, dass die Bodenproben vom Bagger entnommen wurden. "Dafür gründeten wir die Baggerwehr und stellten eine Alarmkette auf", erinnert sich der 51-Jährige. "Mit genau verteilten Jobs." Über einen Alarmkette sollen Bühner und Körbecker informiert werden: Mit Feuerwehr-Handsirene und Läuten der Kirchenglocken. Camper waren für den Schichtwechsel am Abend eingeteilt: Bei Bedarf sollten diese ins Schürfgebiet ziehen und auf dem Areal übernachten.
Einmal sei er ganz früh morgens aus dem Bett geklingelt worden. "Ich dachte, es ist so weit", erzählt er lachend. Und demolierte in seiner Hektik daheim den Schließmechanismus der Tür. Mit "Bauernrebell" Josef Jacobi aus Körbecke habe man eine Persönlichkeit gefunden, der die Truppe begeistern konnte: "Eine Galionsfigur." Sternwanderungen wurden im Dezember 1992 und im Januar 1994 (mit Mahnkreuz) organisiert, 1993 das Stoppelfest aus der Taufe gehoben. "Dafür schrieb Thomas Schöne ein Protestlied. Das habe ich heute noch. Aber in die Charts ist es nie gekommen."
Klaus Twiste erinnert sich gern an das "tolle Gefühl", eine starke Gemeinschaft mit dem Interesse an der Heimat zu haben. "Bei aller Ernsthaftigkeit hatten wir auch sehr viel Spaß." Unterstützung kam von vielen Seiten: Vor allem, als es um die Organisation der großen Demonstration gemeinsam mit anderen betroffenen Orten am 4. Dezember 1993 in Detmold ging. Mit "mobilen Einheiten", sagt Twiste: "Insgesamt 600 Trecker. Die ganze Ostwestfalenstraße war dicht." Und der Parkplatz vor der Pommes-Bude in Rheder voller Trecker.
"Unser Ziel war ein friedlicher Protest." Weil die Polizei wegen ihnen am Samstag arbeiten musste, habe man körbeweise Dosenwurst mitgenommen und diese als Dank an die Beamten verteilt. Schützen zogen in Uniform und mit Fahne mit, in den Bussen gab’s den Reisesegen. "Eine beeindruckende Veranstaltung." Die Hoffnung, den Deponie-Bau abwenden zu können, die sei immer da gewesen. "Wir mussten nur am Ball bleiben. Wir waren sicher, dass es klappt." Im März 1994 dann die Bestätigung: Ein Freudenfest wurde gefeiert. Und die NW titelte damals: "Die Giftdeponie ist tot – es lebe die BI."