Schrift

30.01.2013
Detmold
Prozess gegen Arzus Vater - Hätte er die Tat verhindern können?
53-Jähriger bestreitet, seine Kinder angestiftet zu haben

Vor dem Landgericht Detmold | FOTO: DPA

Detmold (lnw). Der Vater der getöteten Kurdin Arzu Özmen aus Detmold könnte auch dafür verurteilt werden, dass er den Mord nicht verhindert hat. Diesen rechtlichen Hinweis gab das Landgericht Detmold am zweiten Verhandlungstag. Angeklagt ist der 53 Jahre alte Vater wegen Anstiftung zum Mord. Von Anfang an war auch eine Beihilfe in Betracht gezogen worden. Am Mittwoch legte Richter Michael Reineke nach. Fendi Ö. müsse sich fragen lassen, ob er in der Tatnacht auf seine Kinder eingewirkt habe, Arzu nichts anzutun.

Die Staatsanwaltschaft wirft Fendi Özmen vor, seine fünf erwachsenen Kinder zu einem sogenannten Ehrenmord angestiftet zu haben. Bei einer Verurteilung wegen Anstiftung zum Mord droht ihm lebenslange Haft.

Eine Verurteilung lediglich wegen Beihilfe durch Unterlassung könnte aber ebenfalls eine langjährige Haftstrafe nach sich ziehen.
Der 53-Jährige bestreitet, seine Kinder angestiftet zu haben. Er habe Arzu aber wegen ihres Ungehorsams geschlagen. Darüber hinaus schweigt er und will dies nach Angaben seines Anwalts auch weiterhin tun.

Die vier Geschwister der 18-jährigen Arzu waren im Mai 2012 wegen Entführung und Ermordung zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Sie hatten die Tat zugegeben, aber keine Vorwürfe gegen den Vater erhoben. Grund für die Tat war die Beziehung Arzus zu einem Deutschen. Die jesidische Familie Özmen wollte diese Beziehung nicht dulden. Arzus Leiche wurde erst Wochen nach der Entführung am Rande eines Golf-Platzes in Schleswig-Holstein gefunden.

Rechtsmediziner schildert Untersuchungen

Nüchtern schilderte am Mittwoch ein Rechtsmediziner die Untersuchung des skelettierten Schädels Arzus. Die zwei Einschüsse mit Schmauchspuren an der rechten Schläfe, die beiden Austritte an der linken Schläfe. Das Opfer müsse ganz ruhig gelegen haben, das Ganze ähnele einer Hinrichtungsszene.

In quälender Ausführlichkeit zitierte Richter Reineke aus dem Urteil gegen die fünf Geschwister, in dem die Tat rekonstruiert wurde. Und er liest das Protokoll von dem Auffinden der Leiche am 13.
Januar 2012 vor. Das beschreibt den Grad der Verwesung, die Maden, den ausgeprägten Tierfraß. Alles erträgt der Vater ohne sichtbare Regung.

Der ehemalige Freund Arzus, ein 24 Jahre alter Bäckergeselle, berichtete von der Nacht zum 1. November 2011, als die 18-Jährige gewaltsam aus der Wohnung entführt wurde. Und von dem Gespräch zwischen Vater und dem späteren Schützen Osman Ö., während Arzu Hausarrest hatte. Am einfachsten wäre, "sie" im Wald zu verscharren, habe einer von beiden gesagt.

"Fendi hatte das Sagen."

Bäckermeister Johannes Müller, bei dem Arzu gejobbt hatte, berichtete von der langjährigen guten Beziehung zu der Familie Özmen. "Fendi hatte das Sagen." Dann die Krise, Arzus Flucht. Arzu habe ihm gesagt: "Wenn die Geschister mich in die Hände kriegen, bin ich tot." Und das sei auch mit den Eltern abgesprochen.

Der jesidische Psychologe Jan Kizilhan berichtete über die Geschichte der Jesiden und seine Erfahrungen mit verurteilten sogenannten "Ehrenmördern". Sie stammten aus den Kurdengebieten des Nordirak und der südlichen Türkei. Jahrhundertelang seien sie von Muslimen angefeindet worden. Daher stammte auch das Heiratsverbot außerhalb der Glaubensgemeinschaft.

Zu den jesidischen Regeln kämen die patriarchalen Strukturen der Familien. Der Vater sei in der Regel das Oberhaupt, der Ernäher, der Garant für das Wohlleben der Familie, des Clans. "Wenn der Clan mich schützt, muss ich auch seine Regeln befolgen." Bei Regelverletzungen müsse die Familie, vor allem das Oberhaupt, aktiv werden. "Sonst gilt es als schwach." Wenn der Vater Gewalt untersagt hätte, wäre das eine große Erleichterung für die Kinder, sagte Kizilhan. "Die müssten sich dann nicht mehr in der Pflicht fühlen, die Strafe zu vollziehen." Die Verhandlung wird an diesem Freitag  fortgesetzt.


Fotostrecken
Detmold: Prozess um Mord an Arzu Özmen
 
Klicken Sie auf ein Foto, um die Fotostrecke zu starten (115 Fotos).
Detmold: Arzu Özmen tot auf Golfplatz bei Lübeck gefunden
 
Klicken Sie auf ein Foto, um die Fotostrecke zu starten (21 Fotos).



Mehr zum Thema in nw-news.de


Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren
Detmold/Paderborn
Vermisste 16-Jährige zurück bei ihren Eltern
Die über zwei Wochen vermisste 16-Jährige Michelle S. ist wolbehalten wieder aufgetaucht. Die Polizei hatte öffentlich mit einem Foto nach ihr gesucht. mehr




Anzeige

Anzeige
Fotos aus dem Kreis Lippe
40 Jahre Jugendfeuerwehr
40 Jahre Jugendfeuerwehr
Nationalpark-Tag - Excursion in der Wistinghauser Senne
Nationalpark-Tag - Excursion in der Wistinghauser Senne
Schweinestall brennt nieder
Schweinestall brennt nieder
Schweinestall brennt in Wüsten
Schweinestall brennt in Wüsten
Ferienspiele bei der Freuerwehr Oerlinghausen
Ferienspiele bei der Freuerwehr Oerlinghausen
Schiedersee in Flammen
Schiedersee in Flammen


Anzeige
Anzeige
Videos
Anzeige
Lokalsport Kreis Lippe
Koslowski lobt eine grandiose Mannschaftsleistung
Schloß Holte-Stukenbrock (apl). Der Fußball-Bezirksligist FC Stukenbrock hat die erhoffte Reaktion gezeigt: Auf die blutleere Vorstellung während der... mehr

VfB spielt den TSV schwindelig
Schloß Holte-Stukenbrock/ Oerlinghausen. Ein ehemaliger Oerlinghauser hat den TSV fast im Alleingang abgeschossen: André Wagner... mehr

Inklusion wird selbstverständlich
Bielefeld. Bis sich das leichte Nieseln zum Landregen entwickelte, war es eine Veranstaltung mit ganz besonderem Flair. Das sportliche Neben- und... mehr

Drei Tage Reitsport total in Währentrup
Oerlinghausen (mav). Das große Sommerturnier des Reitvereins Lippische Rose Oerlinghausen-Währentrup ist eröffnet. Seit Freitagmorgen und noch bis... mehr

Liemke trifft auf des Trainers Lehrmeister
Schloß Holte-Stukenbrock (mav). In der Vorwoche sind in der Fußball-Kreisliga A Gütersloh alles drei Mannschaften aus der Region ungeschlagen... mehr


Anzeige



Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik