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04.10.2014
Oerlinghausen/Lage
Rechtsextreme Road Crew hat einen neuen Treffpunkt in Lage
Gruppe wird vom Staatsschutz beobachtet

Verschwiegen

Oerlinghausen/Lage. Die Welt der Neonazis und Rechtsextremen ist eine verschwiegene. Auch in Ostwestfalen. Selbst Polizei und Staatsschutz erhalten oft erst Kenntnis von Veranstaltungen, wenn die schon stattgefunden haben. Die harmlosesten Veranstaltungen solcher Gruppierungen, die den Rechtsstaat  ablehnen, sind noch die Konzerte. Und auch da gibt es Grauzonen. Die NPD beispielsweise ist eine zugelassene Partei. Dennoch lehnt sie, wie auf den Internetseiten der NPD zu lesen ist, das Grundgesetz grundsätzlich ab, spricht von einer fehlenden Legitimierung durch das Volk.

Am 29. September 2013, so steht es im Bericht des Staatsschutzes, fand in Oerlinghausen ein Konzert mit dem rechtsextremen Liedermacher Frank Rennicke statt, an dem bis zu 70 Personen teilgenommen haben sollen. Nach Recherchen der Neuen Westfälischen war das Konzert von der NPD organisiert worden – als Feier des Wahlerfolgs bei der Bundestagswahl am 22. September 2013. Der Erfolg bestand darin, dass im Wahlkreis Lippe I, zu dem auch Oerlinghausen gehört, die NPD keine Erststimmen und 0,8 Prozent Zweitstimmen erhielt. Im Wahlkreis Höxter-Lippe II erhielten die Rechten 0,9 Prozent Erststimmen und 0,8 Prozent Zweitstimmen. Das Konzert soll von der NPD der Kreise Paderborn und Höxter veranstaltet worden sein. Wie die Polizei mitteilte, verlief das Konzert störungsfrei und ohne öffentliche Wahrnehmung.


So ginge das oft vonstatten, erklärt Rudolf Frühling, Kommissariatsleiter des Staatsschutzes im Gespräch mit der NW. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei 23 Anzeigen mit rechtem Hintergrund in Lippe. Der Staatsschutz hat 200 bis 250 Personen aus der rechten Szene im Blick, davon etwa 30 im engeren Fokus.

Die "Road Crew OWL" (RC) beispielsweise ist eine Gruppe mit besten Kontakten in die Neonazi-Szene (NW berichtete). Sie wird vom Staatsschutz als eine Gruppe beschrieben, die eher von anderen Rechtsextremen ausgenutzt wird, als selbst etwas auf die Beine zu stellen. "Es gibt dort keine kameradschaftlichen Strukturen und es werden dort keine rechten Kräfte gebündelt", sagt Frühling. Dem Staatsschutz in Bielefeld seien die Aktivitäten der "Road Crew OWL" und die Verbindungen von Mitgliedern zur Neonazi-, Hooligan- und Türsteherszene bekannt. "Wir begegnen dem Ganzen sehr aufmerksam", sagt Rudolf Frühling vom Staatsschutz in Bielefeld. Dennoch würde die "Road Crew" nicht als politisch gefährlich eingestuft.Bis 2011 hatte die "Road Crew" ihr Clubhaus in Billinghausen. Die NW hatte damals über die Aktivitäten der "Road Crew" berichtet. Später war sie dort verschwunden. Wo sie sich danach traf, war lange Zeit unklar. Denn die RC-Mitglieder wurden nach den Zeitungsberichten vorsichtig und schalteten ihre Homepage ab.

Neue Bleibe gefunden

Nun hat die Crew eine neue Bleibe gefunden: Unbemerkt von der Öffentlichkeit ist der Bahnhof Lage-Ehlenbruch ins Eigentum von Mitgliedern der "Road Crew OWL" übergegangen. Fragt man im Dorf nach den Eigentümern, bekommt man meist die gleiche Antwort: "Das gehört einem Motorradclub, den Freeway Riders." Doch in deren Eigentum ist der Bahnhof nach NW-Informationen schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Zwei Mitglieder der "Road Crew" aus Bad Salzuflen und aus Helpup haben den Bahnhof sowie das dazugehörende 7.000 Quadratmeter große Grundstück von zwei Männern gekauft, von denen zumindest einer als Mitglied der "Freeway Riders" bekannt ist.

Es ist noch nicht lange her, da hat im Bahnhof Ehlenbruch die Rechtsrockband "Sleipnir" aus Verl gespielt. Das belegen NW-Recherchen. Auch der Staatsschutz in Bielefeld weiß von diesem Konzert. Zu dem Auftritt am 8. Juni sind offenbar Rechtsradikale aus ganz Ostwestfalen-Lippe und dem Ruhrgebiet in den Lagenser Vorort gekommen. Songs von "Sleipnir" wie "Mein deutsches Volk", "Bomber über Dresden" oder "Für mein Land" sind wahrscheinlich auch im von der "Road Crew" eingerichteten Konzertraum, dem ehemaligen Warenlager des Bahnhofs Ehlenbruch zum Besten gegeben worden.

Bühne, Mikros und Boxen sowie ein Backstagebereich hat die "Road Crew" dort angelegt, das belegen Fotos, die der NW vorliegen. Getränke werden im Bahnhofsgebäude an einer neuen, mit Edelstahl verkleideten Theke ausgeschenkt, an deren Rückwand ein Eisernes Kreuz hängt. Ein schwarz-weiß-roter Baseballschläger, ein Schild mit einem Stahlhelm und der Aufschrift "Deutsches Schutzgebiet" sowie Flyer und Poster der bei Rechtsextremen beliebten Hooligan-Band "Kategorie C" und anderer Gruppen sowie Aufkleber dienen als Dekoration des Clubhauses der "Road Crew".

Solche Aktivitäten verhindern, kann der Staatsschutz nur in den seltensten Fällen. Oft würden die Beamten erst im Nachhinein von solchen Konzerten erfahren. "Die Termine werden in geschlossenen Gruppen über das Internet oder SMS-Ketten verbreitet. Dabei wird meist noch nicht einmal der Veranstaltungsort, sondern ein Treffpunkt beispielsweise auf einer Autobahnraststätte angegeben, von wo aus die Besucher dann zum Konzert geschleust werden", erläutert Kommissariatsleiter Frühling.

Wenn Polizei und Staatsschutz im Vorfeld von einem Konzert Wind bekommen, werde in Abstimmung mit allen Behörden genau geprüft, wie so etwas unterbunden werden könne. "Allerdings gibt es für ein Verbot in der Regel keine Anhaltspunkte", sagt der Staatsschützer. Damit Staatsschutz und Polizei einschreiten können, müsse es Hinweise auf Straftaten geben. "Das gibt es in der Regel natürlich nicht."

Noch schwieriger werde es für den Staatsschutz, wenn ein Veranstalter wie die "Road Crew" über ein eigenes Clubhaus verfüge. "Was dort hinter verschlossenen Türen beispielsweise bei Konzerten geschieht, kann man sich denken. Solange das aber nicht nach außen dringt, haben wir keine Handhabe einzuschreiten", erklärt der Beamte. Sollte ein Konzert in einem öffentlichen Lokal, das von den Veranstaltern der Rechtsrock-Konzerte meist als Geburtstagsfeier getarnt angemietet werde, würde der Staatsschutz das Gespräch mit dem Vermieter suchen und im Vorfeld und im Nachhinein über die "Gäste" aufklären.Regelmäßig sollen im RC-Clubhaus im Bahnhof Ehlenbruch Treffen, Feiern oder eben Konzerte stattfinden. Anwohner berichten, dass bei größeren Veranstaltungen Geräusche und laute Musik aus der Richtung des Bahnhofs zu hören seien.

Auch die vielen Autos auf dem dortigen Parkplatz mit Kennzeichen aus ganz NRW seien schon aufgefallen. Ansonsten würde man aber nur wenig von den Aktivitäten im und rund um den Bahnhof mitbekommen, da das Gebäude relativ abgeschieden liegt und schlecht einzusehen ist. Ein idealer Ort für die "Road Crew".


Die Aktivitäten der Road Crew OWL

Recherchiert man über einen längeren Zeitraum über die Road Crew OWL, lässt sich mit Hilfe von Informanten eine Reihe von Aktivitäten belegen, die die RC organisiert hat und die auch dem Staatsschutz in Bielefeld bekannt sind:

April 2008, Konzert mit "Knock Out" und "The Casuals" in Billinghausen,

2009 und 2011 Fußballturniere in Helpup,

März 2009 geplantes Konzert mit "Kategorie C" und "Knock Out" in Bielefeld-Brake (von der Polizei verhindert),
März 2010 geplantes Konzert mit "Endstufe" in Billinghausen (untersagt),

März 2012 Konzert mit "Kategorie C" unter dem Namen "H.E.R.M." in Lemgo,

September 2012 Konzert mit "Sleipnir" und "Agharta" in Greste,

November 2013 Konzert mit "Kategorie C" in Herford,

8. Juni 2014 Konzert mit "Sleipnir" im Bahnhof Ehlenbruch.

Dabei ist davon auszugehen, dass es weitere Veranstaltungen gegeben hat, die nicht bekannt geworden sind.




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