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21.11.2012
Lage
Angeblicher Giftanschlag auf Trinkwasser löst Polizeieinsatz in Lage aus
Unbekannter erstattet Anzeige - SEK-Beamte verhaften Männer
VON SEDA HAGEMANN

Lage/Detmold. Zwei junge Männer planen einen Giftanschlag auf das Trinkwasser in Lage. Ein Unbekannter erstattete mit dieser Anschuldigung Anzeige gegen zwei Lagenser. Die Reaktion der Detmolder Staatsanwaltschaft kam prompt. Am Freitag, 9. November, durchsuchte ein Großaufgebot an Polizisten die Wohnungen der mutmaßlichen Täter und verhaftete zeitgleich einen der Beschuldigten auf offener Straße, den zweiten Verdächtigen noch am Arbeitsplatz. Zu unrecht, wie sich später herausstellte.

Die Geschichte könnte aus der Feder eines Hollywood-Autors stammen. Maskierte und bewaffnete SEK-Beamte aus Bielefeld warten in schwarzen Limousinen auf einen günstigen Moment, um einen der mutmaßlichen Täter festzunehmen. Der Beschuldigte schaut sich gegen 14 Uhr mit seinem Bruder und den Bekannten Mehmet K. und seinem 17-jährigen Sohn auf dem Gelände eines Autohauses in Lage die Fahrzeuge an, als die Einsatzkräfte unvermittelt zuschlagen.


Die Beamten springen aus ihren Fahrzeugen und stürmen mit gezückten Laserwaffen auf die Gruppe zu. Alle vier Zivilpersonen werden zu Boden gedrückt und mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Alle vier Personen durchleben Minuten der Angst. K. ist stellvertretender Vorsitzender der Lagenser Diyanet Moschee und hat die nackte Angst auch fast zwei Wochen nach dem Vorfall nicht überwunden.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

"Von rechts und links stürmten plötzlich Polizisten auf uns zu. Sie haben ‚Runter, runter!‘ geschrieen, uns mit dem Gesichtern nach unten auf den Schotterboden gedrückt und unsere Hände auf dem Rücken mit Kabelbindern gefesselt", erzählt K. noch immer empört. Immer wieder habe er die vermummten Gestalten gefragt: "Was haben wir getan? Warum werden wir so behandelt?" Auf eine Antwort wartete er zunächst vergebens, er durfte nicht einmal die Beamten anschauen, erinnert er sich.

Erst nach einer Viertelstunde kamen Detmolder Polizeibeamte und klärten die Situation auf. Die Personalien wurden festgestellt. Der Verdächtige wurde zusammen mit seinem Bruder abgeführt. Mehmet K. und sein 17-jähriger Sohn durften gehen. "Die Beamten haben sich bei uns entschuldigt und sind dann gefahren. Aber vorher wurden wir wie Terroristen oder Tiere behandelt", sagt K. erregt und noch immer wird seine Wut deutlich spürbar. "Mein Sohn zuckt noch immer zusammen, wenn er ein Polizeiauto sieht oder hört. Eine Woche konnte er danach nicht zur Schule. Er hat das Vertrauen in die Polizei verloren", meint der Vater und auch bei ihm habe die rüde Verhaftung Narben hinterlassen.

Rechtsanwalt Murat Baspinar aus Detmold vertritt K. und fasst seine Situation so zusammen: "Mein Mandant war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort." Er prüft nun rechtliche Schritte. Außerdem ist er auch der Anwalt des zweiten Verdächtigen, der am Arbeitsplatz verhaftet wurde. "Mein Mandant war schockiert, als er zur Wache gebracht wurde und dort in einer Zelle warten musste", erzählt Baspinar weiter. Erst nach etlichen Stunden durften beide gehen - ein hinreichender Tatverdacht für einen geplanten Giftanschlag wurde nicht gefunden.

Die Detmolder Staatsanwaltschaft  bestätigte den Vorfall. "Da nicht auszuschließen war, dass an den Anschuldigungen etwas dran ist, hat die Detmolder Staatsanwaltschaft einen Durchsuchungsbeschluss für beide Wohnungen erwirkt und die Polizei mit der Vollstreckung beauftragt. Es gab am Ende keine Beweise für einen Giftanschlag", so Oberstaatsanwalt Michael Kempkes am Montag. "Wäre an den Vorwürfen aber etwas dran gewesen, hätte Horror gedroht",  formuliert Kempkes die Beweggründe für die Polizeiaktion. Die Staatsanwaltschaft müsse den Vorwürfen nachgehen - so hanebüchen die Anschuldigungen auch klingen mögen.

Baspinar sieht das zwar ein, will aber nach der Akteneinsicht und nach Abschluss der Ermittlungen rechtliche Konsequenzen prüfen. "Die Festnahme hat neben den psychischen Spuren an meinen Mandanten auch körperliche hinterlassen", sagt er und zeigt Fotos der Handgelenke seiner Mandaten mit deutlich sichtbaren Abdrücken der Handschellen. "Die Abdrücke werden zwar mit der Zeit vergehen, aber die Erinnerung an die rüde Verhaftung wird nur sehr schwer verblassen."



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