Oerlinghausen/Sennestadt. "Ich habe es geahnt", sagt Hans Günter Sander. Dass die deutschen Olympia-Schwimmer in London im wahrsten Sinne des Wortes baden gehen, hat den 84-Jährigen keineswegs überrascht. "Sie haben sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht, haben nicht über den Tellerrand geguckt und den internationalen Anschluss verschlafen."
Hans Günter Sander weiß, wovon er spricht, und seine Kritik richtet sich in erster Linie gegen Trainer und Verbände. Dreieinhalb Jahrzehnte lang hat der Oerlinghauser Schwimmernachwuchs in Sennestadt und Brackwede trainiert, hat mit ihnen unzählige Erfolge feiern können. Schon damals, sagt Sander, sei ihm das "verflixte Funktionärstum" im Sport suspekt gewesen.
"Viele hatten vom Schwimmen überhaupt keine Ahnung." Vor allem das Kirchturmdenken in etlichen Vereinen macht Sander für den Misserfolg verantwortlich. "Man darf doch nicht nur sich selbst sehen, sondern muss auch gucken, was andere machen."
Hinzu kommt für den gebürtigen Bochumer, dass die Förderung etwa in den USA eine ganz andere ist. Spitzensportler würden dort beispielsweise schon in den Schulen ganz anders unterstützt. "In Deutschland fehlt zudem das Sponsoring aus der Wirtschaft." Wer hier erfolgreich sein wolle, müsse beruflichen und schulischen Verzicht üben "und das Glück eines guten Trainers haben". Sander hat noch einen anderen Punkt ausgemacht: "Erfolge werden zu sehr kommerzialisiert."
In seinen erfolgreichsten Trainer-Jahren war daran nicht zu denken. Er selbst, erzählt Sander, der in Heimen groß geworden ist und der erst vor wenigen Jahren, als er ein Buch über diese Zeit schrieb, erfuhr, wer seine Eltern waren, habe erst mit 27 Jahren schwimmen gelernt. Sander arbeitete seinerzeit als Außendienstmitarbeiter in Bielefeld. Ganz in der Nähe war das Hallenbad am Kesselbrink. Sander ging nach jedem Feierabend dorthin, "weil es mich so begeistert hat".
Von den Schwimmern der Vereine, die dort trainierten, schaute er sich einiges ab. "Ich hatte ein Auge dafür, wer technisch gut ist." Vom Ehrgeiz gepackt, schloss Sander sich den Wasserfreunden Bielefeld an, fuhr mit zu Wettkämpfen. "Außerdem habe ich viel gelesen, mir einiges autodidaktisch angeeignet."
Der Trainerschein folgte im Jahr 1963. Seine pädagogische Veranlagung kam hinzu. Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Hans Günter Sander, der vor seiner Heirat 1967 noch Pieszczek hieß (einer seiner Fast-Namensvetter, Lukasz Piszczek spielt bei Borussia Dortmund), entpuppte sich schon bald als erfolgreichster Schwimmtrainer in Ostwestfalen. "Von Hannover bis Stuttgart war mir kein Bad unbekannt."
Überall trat Sander mit seinen Wettkampfmannschaften auf. In Düsseldorf holte Ende der 60er Jahre einer seiner Schützlinge sogar den westdeutschen Meistertitel über 200 Meter Brust. Heinrich Spruth, bis vor einem Jahr Polizeidirektor, war der Erfolgreiche. Er konnte sich 1974 auch den Europameistertitel der Polizei in Edinburgh sichern. In der Kernmannschaft der erfolgreichen 60er Jahre waren neben Spruth Michael Rutschkowski, Manfred Schirrmeister und Klaus Figge vertreten.
Immer wieder hat Hans Günter Sander positive Rückmeldungen bekommen. "Aus all meinen Schülern ist etwas geworden", sagt er nicht ohne Stolz. Berna Rasche-Schürmann beispielsweise sei während eines USA-Aufenthaltes gefragt worden, bei wem sie denn schwimmen gelernt habe. Das Lob: "Wunderbare Technik, besser geht es nicht."