Mutmaßliche Serientäter Betty S. und Joel V. stehen den dritten Verhandlungstag vor dem Landgericht
Bad Oeynhausen/Bielefeld. Eine der spektakulärsten Brandserien in Ostwestfalen wurde gestern am dritten von 14 angesetzten Verhandlungstagen vor dem Landgericht Bielefeld weiter aufgearbeitet. Die Angeklagten Joel V. und Betty S. sollen 44 Brände gelegt haben (die NW berichtete). Als erster Zeuge schilderte Kriminalhauptkommissar Rüdiger Kleine die Arbeit der Ermittlungskommission "Waffe", deren Leiter er gewesen war.
Den 52-Jährigen überraschte die "lockere Art und Weise" der umfangreichen Geständnisse von Betty S. vor dem Haftrichter: "Da ist uns zum Teil die Kinnlade heruntergefallen." Die am 18. April 2011 gebildete "EK Waffe" habe 300 Personen überprüft, ehe dem Team Kommissar Zufall in die Hände spielte.
Bei einem Überfall auf zwei Frauen am Bad Oeynhausener Nordbahnhof waren von den Tätern unter anderem zwei Handys erbeutet worden. Diese Telefone ließ die Polizei überwachen. Einen Tag später das erste Gespräch. Kleine: "Da war klar, dass die geraubten Handys genutzt werden."
Fast zeitgleich gab ein heimischer Wirt den Tipp auf die mögliche Täterin, die sich für ihn kurz vor dem Bahnhofs-Überfall verdächtig gemacht hatte. Der Polizeibeamte: "Da fiel zum ersten Mal der Name Betty S.."
Die Beamten stellten in den folgenden Tagen Übereinstimmungen mit weiteren Raubüberfallen und den Handy-Standorten fest, so dass sie am 12. Juli 2011 vor dem versuchten Überfall auf eine Aral-Tankstelle an der Werster Straße in Bad Oeynhausen mit einem Sondereinsatz-Kommando zugriffen.
Zu diesem Zeitpunkt hatten die Ermittler noch keine Verbindungen zwischen der Raub- und Brandserie geknüpft. Betty S. habe nach der Verhaftung jedoch umfassend ausgesagt. "Da waren auch Sachen dabei, die ihr gar nicht vorgehalten wurden", sagte Rüdiger Kleine, der den jüngeren Angeklagten weniger mitteilsam erlebte: "Das war bei Joel V. schon schwieriger."
Letztlich aber zeigten sich die Verdächtigen kooperativ. Kleine: "Es wäre schwieriger gewesen, wenn die beiden nichts gesagt hätten. So war das für uns relativ schnell wasserdicht."
Gestern standen vor der 3. Kammer des Landgerichts die Brände im Fokus. Doch wer wann und wo Feuer gelegt hatte, darüber gingen die Aussagen der beiden Beschuldigten auseinander. Der Vorsitzende Richter Reinhard Kollmeyer: "In den Bau gehen sie sowieso. Da kommt es auf den einen oder anderen Brand gar nicht an."
Die heiße Phase der im Juni 2010 aufflackernden Serie leiteten Betty S. und Joel V. im Sommer ein. Allein Ende Juli legten sie in drei Nächten sieben Brände, vornehmlich in Porta Westfalica und in Bad Oeynhausen.
In zwei Fällen war die Feuerwehr und die Polizei ganz nah dran an den Tätern. So am 29. Juli. Nachdem die Angeklagten im ehemaligen Asylbewerberheim in Porta Westfalica Feuer gelegt hatte, alarmierte Betty S. einen Uniformierten auf der benachbarten Feuerwache: "Der Brand war ziemlich schnell ausgebrochen."
Dass die Informantin zugleich eine Brandstifterin sein könnte, daran dachte der Portaner Feuerwehrmann nicht. Ähnlich sorglos verhielt sich die Besatzung eines Streifenwagens, die das Pärchen in der selben Nacht kontrollierte.
Mit dem Fiat Punto von Betty S. stand das Duo an der Weser, um sich einen brennenden Wohnwagen anzuschauen, den sie in Rehme selber angesteckt hatten. "Die Polizisten haben uns angesprochen, uns dann aber weiter fahren lassen", erinnerte sich die 32-Jährige.
Ihr 18-jähriger Kumpan bestritt die eine oder andere Tat. Etwa den Rehmer Wohnwagenbrand: "Da war ich schon zuhause." Bei anderen Brandstiftungen will er nur Mittäter oder Beobachter gewesen sein. An wiederum andere Taten konnte sich der frühere Gesamtschüler nicht erinnern.
Der Vorsitzende: "Das sind so viele Fälle, da kann man schon einmal durcheinander kommen." Wobei Richter Kollmeyer die Angeklagten aber auch lobte: "Ohne die Geständnisse wäre die Beweislage echt mau gewesen." Am heutigen Donnertag beginnt die eigentliche Beweis-Aufnahme vor dem Landgericht Bielefeld.