INTERVIEW: Veronika Wehmeier beendet ihre Arbeit als Leiterin der Grundschule Dehme
Bad Oeynhausen. Als erste Frau hat sie 1992 die Leitung einer Grundschule in Bad Oeynhausen übernommen. 20 Jahre später und wenige Tage vor ihrer Pensionierung zieht Veronika Wehmeier (62) im Gespräch mit NW-Redakteurin Heidi Froreich eine Bilanz ihrer Arbeit.
Frau Wehmeier, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Schultag in Dehme?
VERONIKA WEHMEIER: Oh ja, der war schrecklich aufregend, der Schulrat hat mich damals allen vorgestellt. Und dann kam ich zum ersten Mal in mein Schulleiterbüro. Das war furchtbar dunkel mit Wolkenvorhängen am Fenster. Ich dachte, ich müsse immer den Kopf einziehen.
Heute ist es hier ja schön hell und offen. Aber davon mal abgesehen, was unterscheidet Ihren Unterricht damals und heute?
WEHMEIER: Früher wurde fast ausschließlich Frontalunterricht erteilt. Heute bevorzugen wir das selbstbestimmte, schülerorientierte Lernen, der Lehrer übernimmt die Rolle des Begleiters. Das musste ich auch neu lernen. Die Einführung der jahrgangsübergreifenden Eingangsklassen hat das allerdings für mich und das gesamte Kollegium enorm gefördert.
In Ihrer Dienstzeit ist die Grundschule Dehme mehrfach ausgezeichnet worden - unter anderem mit dem Zertifikat Agenda 21, dem Unesco-Preis und dem Gütesiegel für individuelle Förderung. Auf welchen Preis sind Sie besonders stolz?
WEHMEIER: Auf den Unesco-Preis. Weil der nicht ein einzelnes Projekt, sondern unser gesamtes Programm einer "Bildung für nachhaltige Entwicklung" auszeichnet. Und an dem arbeiten wir ja schon seit 1998. Damals haben wir mit Umweltbildung angefangen, später kamen dann unter anderem Gesundheit und soziale Gerechtigkeit hinzu. Und dass wir das als eine der ersten Grundschulen in Nordrhein-Westfalen geschafft haben, macht mich besonders stolz.
Sie haben also alle Ihre Ziele erreicht?
WEHMEIER: Zumindest was die Schule angeht. Mir persönlich fehlen nach wie vor Gelassenheit und Geduld, da muss ich noch dran arbeiten.
Das ist aber sicher nicht das einzige Vorhaben für den Ruhestand?
WEHMEIER: Natürlich nicht, ich werde ganz viel fotografieren und mich um meinen Garten kümmern. Am Pensionärsclub ehemaliger Dehmer Lehrerinnen werde ich natürlich auch teilnehmen. Vielleicht wird ja mal jemand im offenen Ganztag für Matheunterricht gesucht, dann stehe ich dafür auch zur Verfügung. Und dann plant die Landesregierung ein Projekt "Begleitung für junge Schulleiter". Wenn das realisiert wird, mache ich mit. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wo man am Anfang Hilfe braucht.Wer Ihre Nachfolge antritt, steht noch nicht fest. Sicher ist nur, dass eine zusätzliche Herausforderung wartet. Die Grundschule Dehme wird mit Beginn des neuen Schuljahres mit Volmerdingsen zusammengelegt. Was bleibt von Ihnen und Ihrer Arbeit in der neuen Verbundschule erhalten?
WEHMEIER: Wir haben die Verbundschule ja bereits seit einem Jahr in gemeinsamen Fortbildungen und Konferenzen vorbereitet. Da bin ich ganz sicher, dass auch in Zukunft vieles aus Dehme fortgeführt wird. Ich denke da nicht nur an Gesundheitsprävention und Umweltaktivitäten, sondern auch an unser gesamtes Programm "Bildung für nachhaltige Entwicklung" .
Und welchen persönlichen Rat geben Sie Ihren Nachfolgern?
WEHMEIER: Mir war es immer wichtig, alle, also Kollegium, Eltern und Schüler, in ein Boot zu bekommen. Dafür braucht man Offenheit, Transparenz, Beharrlichkeit und vor allem Motivationskraft.
Als erste Lehrerin der Stadt haben Sie vor einigen Jahren das goldene Zahnrad bekommen. Nehmen Sie außer dieser persönlichen Auszeichnung für Ihre Netzwerkarbeit noch mehr mit nach Hause?
WEHMEIER: Urkunden und Banner hats ja immer für die ganze Schule gegeben, die bleiben natürlich hier. Aber einige Projekte, die wir an der Schule erarbeitet haben, mache ich natürlich zu Hause weiter. Täglich Obst- und Gemüse zum Frühstück gehört dazu und Energie spare ich zu Hause auch weiter.
Die Grundschule Dehme hat sich immer als starker Teil der Dorfgemeinschaft verstanden, ist deshalb unter anderem mit einem Sonderpreis beim Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" ausgezeichnet worden. Sie leben in Gohfeld, bleiben Sie dem Ortsteil Dehme dennoch weiter verbunden?
WEHMEIER: Ich habe mittlerweile viele persönliche Kontakte zu Dehmern, da werde ich hautnah mitkriegen, wie es hier weitergeht. Ich hoffe sehr, dass die Ortsgemeinschaft trotz der Nordumgehung weiter so stark bleibt wie bisher und sich auch die Dehmer Kinder weiter so für ihr Dorf engagieren.
Unzählige Jungen und Mädchen haben Sie in den letzten 20 Jahren unterrichtet. Ist ihnen ein Schüler in besonderer Erinnerung geblieben?
WEHMEIER: Ein Mädchen hat bei uns später noch ein Schülerpraktikum absolviert und sich dann für ein Lehramtsstudium entschieden. Familie und Freunde waren entsetzt, aber sie hat allen gesagt, ich sei ein Beispiel, dass dieser Beruf ganz viele Jahre Freude mache. Und damit hat sie ganz Recht.
Und warum gehen Sie dann vorzeitig in den Ruhestand?
WEHMEIER: Ich habe immer gern unterrichtet. Nun ist das Arbeitsfeld für Schulleitungen geändert worden; künftig gibt es noch mehr Verwaltungsaufgaben. Und die möchte ich nicht mehr übernehmen.
Dann freuen Sie sich also auf Ihren letzten Schultag?
WEHMEIER: Auf den Tag selbst nicht, aber dafür auf die Zeit danach. Die Kinder und das Schulteam werden mir sicher fehlen, aber die Aussicht, über meine Zeit frei bestimmen zu können, ist einfach toll.