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07.11.2012
Lichtenau
Über den Wert der Pflege
Landtagsabgeordneter Volker Jung als Praktikant beim ambulanten Pflegedienst
VON FREDERIK GRABBE

Mit der Caritas auf Tour | FOTO: FREDERIK GRABBE

Lichtenau. "Als ich heute Morgen gesehen habe, wo es in den nächsten drei Stunden hingehen soll, musste ich erst einmal schlucken", sagt der Landtagsabgeordnete Volker Jung. Er hat von einen Morgen lang von acht bis elf Uhr die Tour einer Pflegerin der ambulanten Caritas-Pflegedienststelle Sankt Anna in Lichtenau begleitet – und absolvierte in drei Stunden 20 Stationen.

"Einmal Guten Morgen sagen, die Situation erfassen und erkennen, was zu tun ist, dann etwa Tabletten reichen, die Dokumentation ausfüllen. Vielleicht richtet man noch ein oder zwei Sätze an den Patienten, dann geht es auch schon weiter", erklärt Jung kurz und knapp eine beispielhafte ambulante Visite.

Fünf Minuten, um Tabletten bereitzulegen, 25 Minuten, um einen Katheter zu wechseln. "Nach den drei Stunden heute Morgen habe ich noch größeren Respekt vor den Menschen, die in der ambulanten Pflege tätig sind", sagt Jung.

Eingeladen zu seinem Mini-Praktikum wurde er von der Arbeitsgemeinschaft (AG) der ambulanten Pflegedienste im Kreis Paderborn, die seit Mitte Oktober Aktionswochen fahren, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen: "Unsere Forderungen sind: Mehr Zeit und eine erhöhte Wertschätzung für die Pflege, eine Verminderung der Bürokratie und mehr Geld", fasst Christoph Wagner, Prokurist bei der Caritas Alten- und Krankenhilfe Büren zusammen.

Info

Demo in Paderborn

Die 25 ambulanten Pflegedienste im Kreis werden am 10. November einen Demonstrationszug in der Paderborner Innenstadt vom Westerntor bis zum Rathaus abhalten, um ihre Forderungen für eine bessere Pflege kund zu tun.

Sie beschäftigen insgesamt 900 Mitarbeiter und betreuen 3.000 Patienten. (fg)

Gerade den bürokratischen Aufwand würde er gerne einstampfen. Vor sich hält er eine Mappe, die auf elf unterschiedlichen Blättern festhält, wie ein Patient behandelt wurde oder welche Medikamente verabreicht worden sind. "Das ist die Standard-Pflegedokumentation", erläutert Wagner. Dazu kämen noch Beratungsnachweise für die Kranken- und Pflegeversicherungen und je nach Schwere des Krankheitsbildes weitere Nachweise.

In einer Durchschnitts-Pflegestelle mit 16 Mitarbeitern und 60 Patienten kümmerten sich rein rechnerisch 2,3 Vollzeitkräfte um nichts anderes als um Bürokratie. Zeit, die für die Betreuung von Patienten verloren geht. "Aber wir sind auf die Dokumentation angewiesen", so Wagner. "Jedes Zeichen, dass nicht gesetzt wird, erachten die Versicherungen als nicht erbrachte Leistung." Und das wirke sich direkt auf den Geldbeutel der Pflegedienste aus. Mittlerweile arbeite man mit mobilen Datenerfassungsgeräten, die einen Teil der dokumentarischen Arbeit einsparen.

"Das langt aber noch lange nicht", so Wagner. Zudem sei die Pflege ein Berufsfeld, das nicht jeder verrichten könne: Verantwortungsgefühl, Flexibilität und vor allem Empathie seien gefragt. In dreijährigen Ausbildungen würde das Personal zu Kranken- oder Altenpflegern ausgebildet werden. 1.600 Euro netto verdiene eine ambulante Pflegekraft bei einer 38,5-Stundenwoche durchschnittlich im Monat. Das schließe Schichtdienst, Arbeit an Wochenenden und Feiertagen, je nach Situation eine schnelle und flexible Versorgung mit ein.

"Pflege verdient eine gesamtgesellschaftliche Unterstützung", sagt Pflegepraktikant Jung. "Einfach mal hingehen und zuhören. Vielen Patienten würde das schon weiterhelfen", fordert er mehr ehrenamtliches Engagement für Senioren. Das Bild von Pflege des Politikers habe sich deutlich geändert. Er will sich künftig öffentlich für mehr Wertschätzung von Pflege einsetzen und auch ein entsprechendes Familienbild hochhalten, damit ältere Menschen länger zuhause leben können.


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