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26.11.2012
Paderborn
Wie Behinderte Sex erleben
Filmfestival "Überall dabei" der Aktion Mensch angelaufen / Rachel Wotton live im Cineplex
VON VANESSA HERRMANN

Sympathische Profis | FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn. Wer eine schwere Behinderung hat, hat oft nur wenige Möglichkeiten, Sex zu erleben. Ein Dilemma, dem sich der Dokumentarfilm "Rachels Weg" angenommen hat. Rachel Wotton ist Sexarbeiterin. Ihre Klienten sind schwerstbehindert, für viele ist Rachel die einzige Möglichkeit Sexualität zu erleben. Am Wochenende lief der australische Film im Rahmen des Aktion-Mensch-Filmfestivals "Überall dabei" im Cineplex. Mit dabei war auch Rachel Wotton selbst und ihre deutsche Kollegin Catharina König.

Quasi im Rotlicht, im rot gestrichenen Treppenhaus des Cineplex Paderborn, sitzen Gisela Schmidt-Gieseke von ProFamilia Paderborn und die Sexarbeiterin Catharina König bei einem Kaffee und unterhalten sich über ein Thema, das wohl jeden interessiert: Sex. "Frau König und ich machen eigentlich einen ähnlichen Job" sagt die 58-jährige Sexualpädagogin. "Wir beide helfen Menschen dabei ihre Sexualität auszuleben."

Info

Noch drei Termine

Das inklusive Filmfestival "überall dabei" tourt noch bis zum 8. Mai durch insgesamt 40 deutsche Städte.

In Paderborn werden noch drei Filme gezeigt.

Am heutigen Montag: "Deaf Jam", ein Film über eine gehörlose Poetry-Slam-Poetin aus Israel.

Dienstag: "Zwillingsbrüder", eine Dokumentation, die über 10 Jahre lang zwei schwedische Brüder, einer groß, einer kleinwüchsig, bis zu ihrem 19. Geburtstag begleitete.

Mittwoch: Thriller "Blind", der von einer blinden Polizistin erzählt, die gegen einen Serienmörder aussagen muss.

Beginn immer um 18 Uhr im Cineplex, Kinopassage Westernstraße.

Mehr Informationen zu "Rachels Weg" unter:
www.scarletroad.com.au

"Nur ich ziehe mich dabei auch aus" fügt Catharina König augenzwinkernd hinzu. Sie hat weiße, lockige Haare, trägt eine orange Hose passend zum orangenen Brillengestell, einen schwarzen Pulli, Handstulpen und sieht dabei nicht gerade aus wie die typische Prostituierte.


"Das bin ich auch nicht", erzählt die 54-jährige: "Ich bin ausgebildete Sexualbegleiterin für behinderte Menschen. Bei der Sexualbegleitung geht es nicht nur um sexuelle Dienstleistungen sondern in erster Linie um die Begegnung zwischen zwei Menschen."
Seit sieben Jahren lebt die Bochumerin nun schon von diesen Begegnungen. Ihre Klienten sind Schwerstmehrfachbehinderte, Autisten, auch geistig Behinderte oder ältere Menschen, die absolut keine Erfahrung mit Sexualität haben, 95 Prozent davon sind Männer. König: "Oft geht es um Lernprozesse. Ein Auftrag kann sein: Wie begegne ich einem Menschen, den ich attraktiv finde? Das üben wir dann. Oder aber: Wie kann ich masturbieren? Auch da helfe ich." Während sie redet fällt auf: Diese Frau ist von ihrem Job wirklich begeistert. "Ja, der Job macht mir sehr viel Freude" lacht die 54jährige. "Auch das wissen viele nicht: Prostituierte machen ihren Job oft selbstbestimmt und gerne."

Inzwischen ist es sechs Uhr. Rund 50 Zuschauer haben sich in dem Kinosaal 5 versammelt, um "Rachels Weg" (Originaltitel "Scarlet Road") zu sehen. Obwohl das Cineplex eine Reihe Kinosessel ausgebaut hat, um den Zugang barrierefrei zu gestalten, glückt dies nicht ganz: Eine Besucherin mit einem 150kg schweren Rollstuhl muss seitlich zur Leinwand stehen, der Rollstuhl eines jungen Mannes passt nur in den Gang.Kurz vor Beginn des Films erscheint auch Filmprotagonistin Rachel Wotton. Auch sie erfüllt kein Klischee: keine künstlichen Fingernägel, keine hohen Hacken. Die Mittdreißigerin hat langes blondes Haar, ist dezent geschminkt, trägt einen langen Rock und eine schwarze Bluse. Ihr genaues Alter verrät sie nicht und möchte nur von einer Seite fotografiert werden - auf der anderen hat sie ein kleines Muttermahl. Das Lächeln jedoch besticht. Der Film beginnt.

Regisseurin Catherine Scott begleitete Rachel drei Jahre lang in ihrem Alltag und bei ihrem Kampf für die Legalisierung der Sexarbeit. Sie reist nach Schweden, Großbritannien und Dänemark und trifft sich mit anderen Prostituierten, Behinderten und deren Familien. Sie geht auf Paraden, erhält ihr Masterdiplom im Fach Sexuelle Gesundheit und ist Rednerin beim Weltgesundheitsforum für sexuelle Gesundheit.

DerFilm zeigt auch Rachels Treffen mit ihren Klienten. Mit John, der Multiple Sklerose hat und seinen Rollstuhl mit dem Kinn steuert und mit Mark, der an zerebraler Kinderlähmung leidet und sich mithilfe einer Kommunikationstafel mit Rachel unterhält. Die beiden Männer geben großzügig intime Einblicke in ihre Sexualität, die jedoch nie peinlich oder unangenehm werden. Die Dokumentation ist leicht und spielerisch, zeichnet ein sehr positives Bild der Sexarbeit und appelliert an die Gesellschaft, Menschen mit Behinderungen nicht länger auszugrenzen und sie in ihrer Vielfältigkeit zu begreifen.

Nach dem Film stellen sich Wotton und König den Fragen des Publikums. Nicht jeden Klienten trifft sie ein zweites Mal, erzählt Wotton. Die Chemie muss stimmen - da macht sie auch bei den Klienten mit Behinderungen keine Ausnahme. Auch ihr Preis ist derselbe. Auf die Frage, was an der Arbeit mit Behinderten anders ist, sagt sie schlichtweg: "Nichts."

Die Zuschauer sind fasziniert von ihrer Persönlichkeit: "Sie ist dem schwierigen Thema mit einer Natürlichkeit, Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit begegnet, die ich erstaunlich fand,"sagt Rosemarie (59). Auch Julia (38) ist von dem Film beeindruckt: "Wenn ich mir das allerdings persönlich vorstelle, solche Arbeit könnte ich nicht leisten."

Für Zuschauerin Franziska, war der Film sehr motivierend: "Ich fand es gut, dass hier aufgezeigt wurde, wie normal Sexarbeit eigentlich ist und für uns ist es eine neue Motivation, aktiv gegen die Kriminalisierung der Sexarbeit anzugehen." so die 52-jährige Prostituierte.

Doch es gibt auch Negativstimmen: "Ich fand das Thema wichtig, aber im Film einseitig dargestellt" sagt Artur (29): "Gerade bei geistig behinderten Menschen stelle ich es mir sehr schwierig vor zu entscheiden, wann ein Mensch reif genug ist um so einen sexuellen Kontakt zu leben und wann nicht."

Was der Film leistet


Es ist ein heikles Thema, und die Darstellungsweise der Sexarbeit als durchweg positiv und therapeutisch sinnvoll wirkt zu eindimensional. Auch die wiederkehrende Aussage, dass jeder Mensch ein Recht auf Sex hat, ist kritisch zu hinterfragen. Dennoch: "Rachels Weg" leistet etwas wichtiges:

Der Film rückt die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen in den Mittelpunkt und er ermutigt Angehörige und Betreuer, offen und ohne Angst über das Thema Sex und Behinderung zu reden. Anstatt zu versuchen, die Sexualität von Behinderten zu ignorieren, sollten Nahestehende sie anerkennen und respektieren. Ob der Gang zur Sexarbeiterin da die logische Konsequenz ist, ist eine andere und in jedem Fall sehr persönliche Frage.(nes)



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