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28.11.2012
Paderborn
"Sally, du sollst leben"
Warum der Jude Simon Perel ein begeisterter Hitlerjunge war
VON FREDERIK GRABBE

Signierstunde | FOTO: FREDERIK GRABBE

Paderborn. "Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten." Sally Perel konnte diesen Spruch Albert Camus nicht kennen, als er 1941 als 14-Jähriger von einem deutschen Soldaten mit vorgehaltener Waffe gefragt wurde: "Bist du Jude?", "Nö, ich bin Volksdeutscher", log Perel damals. "Das Recht auf Leben", sagt er heute, "rechtfertigt jede Lüge." Seine Lüge bewahrte ihn davor Opfer zu werden. In der Aula des Pelizaeus-Gymnasiums erzählte der heute 87-Jährige vor etwa 160 Schülern seine Geschichte.

Sally (Salomon) Perel wurde 1925 in Peine geboren. Seine ersten acht Jahre verbrachte er in Deutschland, dann zog die Familie wegen des zunehmenden Judenhasses nach Polen. Als er 14 war, trennten sich seine Eltern von ihm und seinem Bruder, weil sie hofften, so die Überlebenschancen der Kinder unter der deutschen Besatzung Polens zu erhöhen. Später konnte sich Sally als der Knabe Josef, Jupp genannt, als Deutscher getarnt bei deutschen Truppen durchschlagen und wurde von einem Hauptmann, der ihn lieb gewonnen hatte, nach Braunschweig in ein Internat der Hitlerjugend (HJ) gebracht, wo er vier Jahre verbrachte.


Als Sally dem Soldaten ins Gesicht log, sah er sich einem inneren Konflikt gegenübergestellt. Sein Vater, ein Rabbiner, der ihn streng religiös erzogen hatte, hatte ihm bei ihrer Trennung die Worte mit auf dem Weg gegeben: "Vergiss niemals, wer du bist." Seine Mutter hingegen sagte ihm: "Sally, du sollst leben." In der Situation, als der Soldat ihn fragte, ob er Jude sei, entschied sich Sally Perel für die Lüge, für das Leben.

Info

Kritisch nachdenken

"Wir möchten zum kritischen Nachdenken über die Zeit des Nationalsozialismus anregen", sagt Schulleiter Dr. Peter Lütke Westhues zur Lesung mit dem Zeitzeugen Sally Perel. Perel verfüge über viel "geronnenes Wissen", ein hohes Maß an Reflexion, wie Lütke Westhues beschreibt.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem, was Perel erlebt hat, mache seine Erfahrungen authentisch. Man wolle Schüler zu einem "Zusammenleben in Frieden, Toleranz und Respekt" erziehen. Perels Buch und die Verfilmung seiner Lebensgeschichte seien im Vorfeld Thema zweier Abiturjahrgänge gewesen.

Sally Perel, "Ich war Hitlerjunge Salomon", Heyne Verlag, 7,95 Euro. (fg)

Für Perel, der nach dem Holocaust nie an die Allmacht eines Gottes glauben konnte, war der Satz der Mutter, wie ein Mantra. "Er hat mir eine magische Kraft verliehen, die Jahre danach durchzustehen", sagt er. Denn während der vier Jahre in der HJ, "vier Ewigkeiten", lebte er immer mit der Angst, entdeckt und hingerichtet zu werden. Obwohl er sich seines Jüdisch-Seins immer bewusst war, hätte er sich von der nationalsozialistischen Ideologie - bis auf den Aspekt des obsessiven Rassenhasses - verführen lassen: "Ich war ein begeisterter Hitlerjunge". Alles hätte so logisch, so klar, so bewiesen geklungen. "Die Rassenlehre der Nazis baute auf den Darwinismus. Daraus zitierten sie gern", so Perel.

"Systematisch wurde uns ihr Gedankengut eingetropft, wie Gift." Einmal hätte sein Lehrer vor der Klasse an "Jupp" vorführen wollen, wie man anhand von Körpermerkmalen die Rassenzugehörigkeit ausmachen könne: Der damals kleine runde Junge mit pechschwarzem Haar wurde als "klassischer Arier der
ostbaltischen Rasse" identifiziert.

Seine Begeisterung für die Nazi-Dogmen brachte ihn aber auch an die Grenze zum Selbsthass. "Meine Seele spaltete sich in zwei Teile. Auf der einen Seite war ich der Hitlerjunge Jupp, auf der anderen der Jude Sally." Diese Spaltung trage er bis heute mit sich. Er spreche mit Jupp, streite mit ihm, führe Dialoge. "Ich schreie Sieg heil - und in Auschwitz sterben eine Million Kinder", ringt Perel mit sich. Als Verrat sehe er sein Verhalten von damals aber nicht. Schließlich sei er unfreiwillig in die HJ geraten.

Bei seinen Lesereisen durch deutsche Schulen betont Perel stets, dass es ihm nicht um Schuld gehe, die es zuzuweisen gelte. "Schuld erbt man nicht. Es gibt nichts zu verzeihen", sagt er. Er möchte, dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, dass die Jugendlichen wissen, was mit den Juden in Auschwitz und anderswo passiert ist.

Drei Wochen noch wird Sally Perel auf seiner aktuellen Lesereise durch deutsche Schulen unterwegs sein - und seine Geschichte erzählen, seine persönliche Wahrheit.



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