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08.04.2009
Steine und Flaschen kontra Schlagstöcke und Reizgas
Polizei und Fans des 1. FC Union Berlin werfen sich wegen der Auseinandersetzungen beim Sonntag-Spiel gegenseitig aggressive Attacken vor

Angespannte Situation | FOTO: MARC KÖPPELMANN

Paderborn (st). Die um 40 Minuten verspätete Zugabfahrt in Berlin um 7.20 Uhr tat der Stimmung am Sonntagmorgen keinen Abbruch. Eine entspannte Atmosphäre hätten sie in Paderborn erwartet und deshalb schon auf der Hinreise "gemütlich feiert". ,,Denn es gibt keine Feindschaft mit Paderborner Fans", sagt Lars Schnell. Doch nach der Ankunft des mit 800 Anhängern des 1. FC Union Berlin besetzten Sonderzuges am Sonntagmittag in Paderborn ging es ganz und gar nicht entspannt zu. Es ging so hart zur Sache, dass möglicherweise ein gerichtliches Nachspiel droht.

Lars Schnell (37), der Fan-Beauftragte des Drittliga-Spitzenreiters von der Spree, erhebt schwere Vorwürfe. Bei dem "massiven Polizeieinsatz" in Paderborn sei es zu ,,strafbaren Übergriffen" der Beamten gegen Anhänger der Berliner Mannschaft gekommen. Gezielt seien Schlagstöcke in Kopfhöhe eingesetzt worden, Pfefferspray sei direkt in die Gesichter von Fans gesprüht worden. Er selbst habe nur noch die Arme hochreißen können, um einen solchen ,,aus dem Nichts heraus" geführten Schlag abzuwehren, und sei dabei unsanft zu Boden gegangen, schilderte Schnell gestern im Gespräch mit der NW.

Ein bei ihm stehender Polizeibeamter des Berliner Landeskriminalamtes aus der Einsatzgruppe Hooligans, der den Sonderzug begleitete, sei von einem knüppelnden Polizisten am Kopf verletzt verletzt worden. Dieser Beamte, der im Krankenhaus behandelt werden musste, habe inzwischen Strafanzeige gegen die in Paderborn eingesetzten Kollegen erstattet. Die Attacken sollen von einer Einsatzhundertschaft aus Bochum ausgegangen sein.

Der 1. FC Union und dessen Fan- und Mitgliederabteilung (FuMA) riefen gestern über die Internetseite des Vereins betroffene Fans auf, sich erlittene Verletzungen ärztlich attestieren zu lassen und Anzeige gegen unbekannt zu erstatten. ,,Zwischen 20 und 30 Fans" hätten inzwischen Fotos und Videos zwecks Dokumentation der Vorfälle zur Verfügung gestellt. Das Bildmaterial werde einem Rechtsanwalt übergeben, kündigte Lars Schnell an. Ein ähnlich brutaler Vorfall gegen ,,Unionisten" am Stadion in Chemnitz, der sich vor ein paar Jahren ereignete, habe zu einer Verurteilung beteiligter Polizisten geführt, sagte der Fan-Beauftragte.

Ulrich Krawinkel, Pressesprecher der Paderborner Polizei, lieferte eine völlig andere Version der brutalen Vorfälle am Bahnhof. Einsatzbeamte seien mit Steinen, Flaschen und Bierbechern beworfen worden. Gewalttätige Fans hätten versucht, über Zäune zu klettern, um auf die Polizisten loszugehen. Krawinkel: "Zum Schutz vor den gewalttätigen Übergriffen setzte die Polizei sowohl Schlagstöcke als auch Pfefferspray ein. Dabei zogen sich sowohl Polizeibeamte als auch Fans Verletzungen zu." Der Einsatz des Schlagstocks sei dabei "immer gegen den Oberkörper oder die Beine des Angreifers gerichtet" worden. Situationsbedingt habe aber nicht immer verhindert werden können, dass im Einsatzgeschehen auch Schläge gegen den Kopf erfolgten. Vorwürfe wie die von Lars Schnell, wonach Beamte gezielt gegen Köpfe von Fans geschlagen haben sollen, entbehrten "jeglicher Grundlage".Die Kritik von Lars Schnell galt nicht nur der Polizei-Verstärkung aus Bochum, sondern auch den Paderborner Ordnungshütern. "Absolut unprofessionell" sei es, die per Sonderzug angereisten Fans einzeln über eine nicht ungefährliche, etwa 60 Zentimeter hohe Stufe an einem Abstellgleis vom Bahnsteig zum Busbahnhof zu dirigieren. Ein Rückstau und Geschiebe auf dem Bahnsteig seien die Folge gewesen. In dem Gedränge sei ein Zaunfeld herausgebrochen, und Fans seien in das Abstellgleis gestürzt. Als dann ,,leider ein Vollidiot auf unserer Seite" (Schnell) die Scheibe eines für den Fan-Transport bereit stehenden Pendelbusses beschädigt habe, seien andere Fans ,,unter Knüppeleinsatz" aus dem Bus befördert worden. Dann muss der Streit eskaliert sein. Schnell: ,,Es gab Platzwunden ohne Ende."

Die Paderborner Polizei forderte gestern zunächst eine Stellungnahme der Hundertschaft aus Bochum an. Aus Sicherheitsgründen sei vereinbart worden, nur so viele Fans in die Busse zu lassen, wie Sitzplätze vorhanden waren, erläuterte Ulrich Krawinkel. Bei den beiden ersten Bussen habe es keine Probleme gegeben. Am dritten Bus habe ein junger Man verhindert, dass nachfolgende Fans einsteigen konnten. Die Folge: Heftige Drängeleien. Der Mann sei schließlich mit einem Platzverweis belegt und in Gewahrsam genommen worden. Die entstandenen Verzögerungen hätten zu erheblicher Unruhe bei den wartenden Anhängern insbesondere im rückwärtigen Bereich geführt.

Krawinkel: "In diesem Moment kam es zum erneuten Zünden von Pyrotechnik auf dem Bahnsteig, nachdem vorher schon im Bahnhofsgebäude Kanonenschläge explodiert waren." Steigende Aggression auch am Bus, wo der junge Mann in Gewahrsam genommen worden war: Beamte seien bespuckt, massiv angepöbelt und beleidigt worden. Mehrere Fans hätten
versucht, eine Beamtin der Hundertschaft gewaltsam in einen Bus zu ziehen und ihr den Helm vom Kopf zu reißen. Dabei sei ihr Schlagstock entwendet worden. Beim Versuch, überzählige Insassen aus einem Bus zu weisen, seien Beamte mit Tritten attackiert worden, so dass sie zur Abwehr Pfefferspray einsetzen mussten.

Zusätzlich wurde die aufgeladene Stimmung angeheizt, als in zwei Shuttle-Bussen Scheiben zu Bruch gingen. Das führte zu der Aufforderung an alle Fans, die Busse wieder zu verlassen, und zu Fuß zum Stadion zu gehen.

Auf Seiten der Polizei, die ursprünglich nur den schnellen, reibungslosen und sicheren Transport der Fußballanhänger vom Bahnhof bis zum Stadion gewährleisten wollte, seien durch Angriffe der ,,sogenannten Fans" fünf Beamte verletzt worden. Krawinkel: "Die Polizei bedauert es, dass möglicherweise durch die Aggressionen einzelner Fans bzw. Fangruppen auch friedliche Fußballanhänger in Mitleidenschaft gezogen wurden." Insgesamt seien 15 Personen in Gewahrsam genommen worden.

Nachdem die Polizei die Situation am Bahnhofsvorplatz durch ihr "konsequentes Einschreiten" beruhigt habe, seien die Fans zu Fuß zum Stadion begleitet worden. Dabei waren auch eine Reiterstaffel und ein Video-Wagen der Polizei im Einsatz. Das Spiel selbst, das 0:0 endete, und auch der Rückweg verliefen störungsfrei.


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