Zwischen Show und Schlägerei: Die Boxbude von Johann Heinen gehört seit 1948 zu den Volksfestklassikern
VON HANS-HERMANN IGGES
Paderborn. Mann gegen Mann. Vier Fäuste für ein Preisgeld. Wo Testosteron sich in pures Adrenalin verwandelt. Auf dem Liboriberg, zwischen Wildwasserbahn und Almhütte, steht Johann Heinens Boxbude. Sie ist ein Jahrmarkt-Klassiker der etwas herberen Art. Nichts für Weicheier, Warmduscher, Schattenparker oder andere Opfertypen.
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Kickboxen und Frauen hauen
Johann Heinens Muskelmänner können nicht nur boxen. Sie nehmen auch Herausforderungen in Kampfsporarten wie Kickboxen oder Thai-Boxen an. Nicht mehr dabei ist dagegen die Boxerin, die bis vor kurzem in Heinens Kampftruppe gegen – durchweg männliche – Herausforderer antrat. Heinen: "Es gab so gut wie keine Frauen, die gegen sie kämpfen wollten." (ig)
Ob früher auf dem Schulhof oder heute vor der Disco: Wo immer zwei sich auf die Nasen hauen, stehen gleich 20 andere drumrum. Von dieser ältesten Art der Schaulust lebt auch der Familienbetrieb von Johann Heinen (37) aus Düsseldorf. Nur dass Heinen etliche kräftige junge Männer (vor allem aus Osteuropa) unter Vertrag hat, die es in einem richtigen Boxring mit jedem Möchtegern-Henry-Maske von der Straße aufnehmen.
"Ich erkenne schon am Gang, ob einer was drauf hat", sagt Heinen, der jeden erstmal in einen Sandsack hauen lässt, bevor er in den Ring darf. "Gefährlich wird’s für meine Jungs, wenn sie an einen echten Straßenschläger geraten. Die kämpfen völlig unberechenbar." So unberechenbar, dass gleich nach dem ersten Libori-Wochenende einer aus Heinens Truppe mit doppeltem Kieferbruch ins Krankenbett verabschiedet worden sei.
Der 100-Kilo-Mann mit der gelb gefärbten Irokesen-Frisur dagegen ist nicht wirklich eine Gefahr für Heinens Jussek aus Warschau. "Straßenkämpfer" sei er, hat auf Heinens Frage nach der Herkunft seiner Dellen im Gesicht gesagt, eben vor der Bude. Von Beruf "Recycler". Jetzt hüft er im grünen T-Shirt vor Jussek herum und schlägt wie wild Gerade und Haken. Ohne den Polen aber wirksam zu treffen.
Der wiederum zeigt in der zweiten Runde, wer wirklich Herr im Ring ist. Bevor der Recycling-Fachmann noch härter getroffen werden kann, wird der Kampf schon abgebrochen. Sieg für Jussek. "Wir wollten dir nicht gleich die Nase brechen," ruft Heinen über Mikrofon dem über das plötzliche Ende etwas verdutzt dreinschauenden Straßenkämpfer zu. Der Rest, den die Zuschauer diesmal für ihr Geld geboten bekommen, sind dann doch eher Show-Schlägereien unter Kirmesboxern.
"Am liebsten sehen die Leute den netten Typen zu, egal ob sie boxen können oder nicht, weniger den von sich überzeugten." Heinen weiß, wovon er spricht. Seit er sechs Jahre alt ist, hat er selbst geboxt – bis vor zehn Jahren. Jetzt wachsen seine elfjährigen Zwillinge Jessi und Eddi wie er in das Familiengeschäft hinein. Die beiden und Tochter Maggie (14), die schon an der Kasse sitzt, sind die fünfte Generation für die von Heinens Urgroßvater "Kalla" Rambach 1948 gegründete Boxbude.
Zuletzt gastierte das Familienunternehmen vor zehn Jahren in Paderborn: "Damals hatten wir massenweise Engländer, die unbedingt kämpfen wollten. Diesmal sind es eher die Russen", sagt er. Besonders aggressiv wirkende Halbstarke lässt er nicht in den Ring. Jeder, der boxen will, muss unterschreiben, dass er nüchtern ist und auf alle Schadensersatzansprüche verzichtet. "Hier gibt’s eben was aufs Maul", preist Heinen seine Show vor der Bude: "Wer das nicht will, soll Kinderkarussell fahren." Eine gute halbe Stunde bringt Heinen einen derben Spruch nach dem anderen vor die Leute, um sein Zelt zu füllen. Dafür hat Heinen ein besonderes Talent. Abend für Abend stellt er es unter Beweis.
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