Im Freibad enthüllen Tattoo-Fans nicht nur ihren Körperschmuck – sondern auch Lebensgeschichten
Paderborn. Für die einen ist es Körperschmuck, für andere eher Körperverletzung. Und Mütter fanden sie noch nie gut. Denn Tätowierungen bleiben für immer. Also muss es doch einen guten Grund dafür geben, oder? Bei diesem Wetter finden sich im Rolandsbad viele Köperverzierte, die man mal fragen kann. Denn einige Tattoos erzählen von Lebenskrisen, andere sollen nur schmücken. Und manche sind auch der Mama gewidmet.
"Mein Opa war Seefahrer und überall tätowiert", erzählt Michael May aus Sennelager. "Das fand ich als Kind schon gut." Heute ist der Familienvater selbst eine wandelnde Leinwand. Die Oberarme sind verziert, auf dem Bauch räkelt sich ein Pin-Up-Mädchen. Nicht alle Bilder haben eine tiefere Bedeutung, erklärt May. Die Schriftzüge auf seinen Armen schon. "Angelina" und "Vanessa" steht dort, die Namen seiner Töchter.
Und "Smile now, cry later." Lächle jetzt, weine später. "So bin ich halt." Neben ihm auf der Wiese liegt seine Partnerin Natascha Eygermann. Auch sie hat mehrere Tattoos entblößt. Die Initialen der Kinder trägt sie im Nacken. "Das ist eine Sucht", findet Michael May. "Wär ich Millionär, wär ich kunterbunt."
Auch Markus Rode hat die Namen seiner Kinder auf dem Körper verewigt. "Manius" und "Devin" umrahmen auf dem Bizeps eine Sonne. "Die steht in der japanischen Mytologie für Fruchtbarkeit", erklärt er. Auch sein japanisches Sternzeichen hat sich der Paderborner stechen lassen. Das klingt für westliche Ohren aber nicht so poetisch. Rode lacht. "Ich bin ein Schwein." Mit Tattoos will er etwas verbinden können. Auf der linken Wade steht "No fear." Keine Angst. "Als Feuerwehrmann gibt es nicht viel, wovor ich Angst habe", sagt er. "Außer dass meine Kinder krank werden."
Wenige Schritte weiter sonnt sich eine Frau. Ihren Bikini umranken Blumen, schmerzhaft in die Haut gestochen. "Die Geschichten dahinter sind privat", sagt sie. Ihr Name soll nicht in der Zeitung stehen. "Jedes Tattoo steht für einen Lebensabschnitt." Eine Rose für die Geburt ihrer Tochter, Ein Kreuz für den Tod der Großmutter. Auch die Scheidung ist verewigt und eine Kündigung. Das war erst vor zwei Monaten. "So halte ich meine Erinnerung fest."
Sind Sie mit dem Paderborner Sommerwetter 2012 zufrieden?
Während manche ihre Körper wie ein Tagebuch verzieren, lieben andere einfach nur die Optik. So wie Corinna Lichtenstein. Auf der Hüfte trägt die Studentin Sterne und Kussmund, auf der Schulter ein Äffchen, unter dem Arm "Tinker Bell", die Fee aus Peter Pan. "Das hat keine Bedeutung. Vielleicht ein bisschen Kindheit, ein bisschen Mädchen."
Zuletzt hat sich die Paderbornerin ganze sieben Stunden von der Nadel traktieren lassen. Auf das Ergebnis ist sie mächtig stolz: ein quietschbuntes Bild auf dem Oberschenkel mit High-Heels, Lippenstift und Herz. Und es geht weiter. "Ich fliege demnächst in die USA. In Las Vegas muss ich mich unbedingt tätowieren lassen." Gar keine Angst, dass sie die bunten Bildchen später mal leid ist? "Nee", sagt sie. "Wenn ich alt und faltig bin, finde ich mich eh nicht mehr attraktiv. Da machen ein paar Tintenflecken auch nichts aus."
Es gebe ja auch viele Lasertechniken, anwortet Carina Döring auf die gleiche Frage. Vielleicht lässt sie sich ihre Tattoos später wegbrennen. Noch findet sie ihren Schmuck zwischen den Schulterblättern und auf der Hüfte schön. Selbst an ihre Mutter hat sie gedacht. Zwischen grazilen Schnörkeln steht das Geburtsdatum der Mama.