Kreis Paderborn. Rainer Rensing wartet auf eine Niere. Der Dialyse-Patient aus Niederntudorf steht seit sechs Jahren auf der Warteliste und ärgert sich über den aktuellen Organspende-Skandal. Er fordert mehr Engagement von der Politik: "Es wird so viel imitiert, warum übernimmt man nicht das Konzept aus Österreich oder den Niederlanden?"
Denn dort gilt die Widerspruchsregel. Jeder ist automatisch Organspender, wenn er nicht zu Lebzeiten seinen Widerspruch äußert. In Deutschland hingegen muss man sich bewusst für eine Organspende entscheiden und einen Spenderausweis tragen. Rensing fürchtet, dass sich wegen des aktuellen Skandals noch weniger zur Spende bereit erklären – und er noch länger warten muss.
"Man macht sich Jahre lang Hoffnung und dann erfährt man, dass die Korruption auch im Gesundheitswesen angekommen ist", so der 53-Jährige, der an drei Tagen pro Woche zur Dialyse muss. Zwar werden Nieren nur nach Warteliste und nicht nach Dringlichkeit vergeben, doch Rensing ist sich sicher: "Kliniken sind heute Wirtschaftsunternehmen, da werden dann eben Laborwerte manipuliert, eine Niere als alt eingestuft, damit man sie in der eigenen Klinik verwenden kann."
Jede Woche verbringt er 18 Stunden im PHV-Zentrum (Patienten-Heimversorgung Gemeinnützige Stiftung), die in der Aatalklinik in Bad Wünnenberg untergebracht ist, wo auch Rehapatientenzur Dialyse gehen. Deshalb arbeitet der Versicherungsfachmann an diesen Tagen nur halbtags. Anfangs hat er jeden Montag bis abends gearbeitet, ist dann zur Dialyse, kam nach Mitternacht nach Hause und war morgens um acht Uhr wieder im Büro – einen Stress, dem sich der Körper auf Dauer verweigerte.
Als er von seiner Krankheit erfuhr, hatte Rensing mit seiner Frau Birgitt gerade ein Haus in Niedertudorf gebaut, Sohn Leonard war noch ein Baby. Die ersten fünf Jahre konnte die Krankheit mit Medikamenten behandelt werden. "Dann waren die Nieren kaputt, am 7. März 2006 hatte ich meine erste Dialyse", erinnert sich der begeisterte Karnevalist, der 30 Jahre lang das Dorfgeschehen in einer Büttenrede zusammengefasst hat.
Er ist der erste in seiner Familie mit Niereninsuffizienz. Sein Hausarzt hat durch Zufall bei einem Bluttest die erhöhten Kreatininwerte festgestellt. Weitere Tests ergaben, dass beide Nieren nur noch 50 Prozent leisten. Ursache könnte eine Infektion oder verschleppte Grippe gewesen sein. "Ich hatte keinerlei Schmerzen", so Rensing.
Mit dem Tag der ersten Dialyse kommen Patienten auf die Warteliste. Um den Status "transplantierfähig" zu bekommen, werden dann umfangreiche Untersuchungen gemacht, außerdem muss der Patient sich für eine Klinik entscheiden und dort vorstellen. Rensing wählte Bochum. Mittlerweile sind fast sieben Jahre vergangen – die durchschnittliche Zeit auf der Warteliste. "Wenn ich jetzt einen Anruf bekomme, bin ich in fünf Minuten weg", so der zweifache Familienvater.
Bis dahin verbringt er viel Zeit in der Klinik. Während der Dialyse wird das Blut von Giftstoffen gereinigt, außerdem wird dem Körper Flüssigkeit entzogen, die dieser nicht mehr auf natürlichem Weg ausscheidet. Rensing darf maximal zwei Liter am Tag trinken, sonst würde sein Körper aufquillen.
"Fünf Stunden Dialyse sind so anstrengend wie acht Stunden körperliche Arbeit", sagt der Tudofer, der im Gegensatz zu anderen Patienten selbst zur Klinik fährt. Ihm sei wichtig, offen mit seher Krankheit umzugehen, das helfe bei der Verarbeitung.
"Die Lebensqualität wird eingeschränkt, ich musste meine Ernährung umstellen, darf Ausdauersport machen, aber nicht mehr Fußball spielen", bedauert der Eintracht-Braunschweig-Fan, der für den TSV Niederntudorf in der Bezirksliga gespielt hat. Dennoch gehe es ihm besser als Patienten mit Leber-, Lungen- oder Herzversagen: "Da läuft die Uhr irgendwann ab."
Rensing fährt sogar regelmäßig in den Urlaub – dank eines europäischen Netzes der Dialysezentren. Sein Traum wäre eine Kreuzfahrt, einige Schiffe haben Dialysegeräte an Bord. "Davon muss ich meine Frau noch überzeugen", lacht Rensing. Noch gehe es ihm relativ gut. Falls sich sein Zustand jedoch verschlechtere, steht ein Familienangehöriger mit einem Lebendorgan bereit: "Wenn ein Freund sich bereit erklären würde, müsste er aber erst beweisen, dass ich ihm dafür kein Geld gegeben haben, das finde ich eigenartig."