INTERVIEW: Karen Wiborg spricht über ihr erstes Buch, das komplett online entsteht
Bielefeld / Frankfurt. Sie schreibt ihren ersten Roman, doch anstatt auf Papier, veröffentlicht Karen Wiborg ihr Debüt in einem Internet-Blog. Jeden Monat entsteht ein Kapitel, die Leser können kommentieren und auch Vorschläge zur Handlung machen. Friederike Edler sprach mit der gebürtigen Ostwestfälin über Autorschaft im Netz, die Bedeutung sozialer Netzwerke und wie sich ein solches Projekt vermarkten lässt.
Frau Wiborg, Sie schreiben Ihren ersten Roman komplett in Ihrem Internetblog. Hatten Sie nicht gehörigen Bammel vor den ersten Zeilen? KAREN WIBORG: Doch schon. Ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwartet, wenn die Öffentlichkeit mitliest. Ich wollte aber schon immer mal ein Buch schreiben. Allein vor dieser Aufgabe hatte ich ein bisschen Respekt.
Wovon handelt Ihr Buch?WIBORG: Es ist ein Frauenroman. Die Hauptdarstellerin Josephine zieht von Deutschland nach New York. Sie ist Konditorin, auf Hochzeitstorten spezialisiert. In New York versucht sie ihr Glück und erlebt allerlei kuriose Männergeschichten.
Das hört sich ähnlich an wie Bridget Jones oder Sex and the City... WIBORG:Ich bin in der Tat ein großer Fan von Bridget Jones und "Sex and the City". Für meinen Roman nehme ich die Geschichten meiner Freundinnen und meine Erlebnisse als Grundlage. Ich hätte mir auch vorstellen können, einen historischen Roman zu schreiben. Da ist aber die Recherche zu aufwendig, denn ich schreibe ja in meiner Freizeit.
Die Leser können Ihre Kapitel kommentieren und Vorschläge zum weiteren Handlungsverlauf machen. Wie stark fließen die in den Roman ein? WIBORG: Ich versuche, die Kommentare ernst zu nehmen und sie in die Handlung einfließen zu lassen. Das klappt meist nicht sofort, denn ich habe das Kapitel oft schon im Kopf. Das schreibe ich dem Leser dann auch und versuche, den Vorschlag in den folgenden Kapiteln zu verwenden.
Wie gehen Sie mit negativen Kommentaren um?WIBORG: Es kommen zwei Arten von Kommentaren. Von anderen Autoren, die mir Tipps geben, wie ich etwas anders formulieren könnte. Das ist sehr konstruktiv und freut mich. Als ich in einem Internetforum letztes Jahr von meinen Plänen schrieb, hat es aber harsche Kritik gegeben. So nach dem Motto ’Dann liest das in gedruckter Form doch niemand mehr’.
Schreiben und backen
Karen Wiborg wuchs im ostwestfälischen Porta Westfalica auf. Mittlerweile lebt die 28-Jährige in Frankfurt am Main, arbeitet hauptberuflich als PR-Beraterin und ist leidenschaftlicher Back-Fan. Unter dem Titel "Sechzig Grad" schreibt sie ihren ersten Roman und veröffentlicht ihn kapitelweise in dem gleichnamigen Blog www.sechziggrad.de. Unter www.twitter.com/sechziggrad bloggt auch ihre Hauptfigur Jospehine, die ebenso als Josephine Klein einen Facebook-Account hat. (fred)
Twitter, Facebook, MeinVZ, Blogs und Foren. Wie wichtig ist das Social Web für Sie als Autorin? WIBORG: Sehr wichtig. Soziale Netzwerke haben geholfen, mein Projekt bekannt zu machen. Am wichtigsten ist für mich der Mikrobloggingdienst Twitter. So habe ich eine direkte Möglichkeit, mit meinen Lesern zu kommunizieren. Poste ich zum Beispiel ein Motivationstief, antworten mir innerhalb von Minuten meine Kontakte und spornen mich an. Sogar meine Hauptfigur Jospephine hat einen Twitter- und einen Facebook-Account. Sie hat praktisch eine Online-Identität.
Glauben Sie, Ihre Leserschaft ist eine andere als es Bücherleser sind?WIBORG: Ja, ich glaube es sind sehr onlineaffine Leser, die wissen, was ein RSS-Reader ist oder die auch selber bloggen. Ich will meine Leser aber nicht auf ein Alter oder bestimmtes Geschlecht einschränken.
Stephen King, Elfriede Jelinek und Paulo Coelho. Viele bekannte Autoren veröffentliche Teile ihrer Werke im Netz. Haben Sie ein Vorbild?WIBORG: Es gibt in dem Sinne kein richtiges Vorbild für mich, dafür aber einige, die mich inspirieren. Ich habe natürlich geschaut, wie Coelho mit seinen Lesern kommuniziert, er bloggt ja auch. Auch ich habe noch viele Visionen. Zum Beispiel ein E-Book und Podcasts anzubieten.
Ein Buch im Internet in Realzeit zu schreiben. Ist das die Zukunft?WIBORG: Ich denke, das hängt von den Verlagen ab. Es schreckt Autoren ab, wenn sich Verlage weigern, ein schon im Internet veröffentlichtes Buch noch zu verlegen. Es gibt da viele Marketingmöglichkeiten, zum Beispiel, der Verlag bezahlt pro Kapitel. Meiner Meinung ist es ein zunehmender Trend, online Bücher zu lesen, er wird aber nie das "normale" Buch verdrängen können.
Planen Sie, das fertige Produkt einem Verlag anzubieten?WIBORG: Mein Hauptziel ist, den Roman mit Hilfe meiner Leser fertig zu schreiben und gut sie unterhalten zu haben. Wenn dann ein Verlag darauf aufmerksam wird, freut es mich natürlich. Nur um es einmal in den Händen zu halten, glaube ich, würde ich auch ein paar Exemplare selbst verlegen.