Bielefeld. Glück auf, glück auf: Von der Kehrseite des schönen Klischees erzählte der Bergmann und Schriftsteller Max von der Grün. Als erster Dichter prangerte er in den 60er Jahren die gefahrvollen Arbeitsbedingungen unter Tage an. Dafür verlor er seinen Job und die Gewerkschaft versagte ihm ihre Solidarität. Der Bielefelder Pendragon Verlag editiert jetzt die erste deutsche Werkausgabe des Dortmunder Schriftstellers.
Bis heute wurden seine Bücher vielfach übersetzt, millionenfach verkauft und die meisten von ihnen verfilmt. "Seine Themen sind unfreiwillig aktuell", erzählt der Verleger und Herausgeber Günther Butkus. Heute sind von der Grüns Bücher bis auf das zur Schullektüre avancierte Jugendbuch "Vorstadtkrokodile" allenfalls in der Bücherei oder antiquarisch zu bekommen. Die Idee zur großen Edition entstand, als Wolfgang Delseit dem Verlag ein Lesebuch anbot.
"Max von der Grün hat sich dagegen gewehrt, dass man mit einem Arbeiter alles machen kann", so Butkus. In der Arbeitswelt kannte der Schriftsteller sich aus, hatte selbst 13 Jahre als Hauer im Bergbau unter Tage gearbeitet. Von der Grüns Romane und Erzählungen, Reportagen, Fernseh- und Hörspiele spielen zwar in der Arbeitswelt. Aber von der Schublade "Arbeiterliteratur" hielt der bodenständige Schriftsteller nichts. Allein die Menschen lagen ihm am Herzen, ihre Beziehungen und Verstrickungen.
Drei Männer werden verschüttet
Sein Romandebüt "Männer in zweifacher Nacht" erzählt von der gefahrvollen Arbeit in den Kohlengruben. Drei Bergleute werden verschüttet und versuchen zu überleben. "Irrlicht und Feuer": Der Roman bescherte von der Grün große Aufmerksamkeit bei den Lesern, bei der Zechenleitung, bei der Gewerkschaft, schließlich die Kündigung und ein Leben als Schriftsteller.
Wie bei diesem Roman beschäftigt sich "Zwei Briefe an Pospischiel" nicht nur mit dem Arbeitsalltag, sondern setzt sich auch mit der Bewältigung der NS-Vergangenheit auseinander. Pospischiel hat einen guten Grund, unbezahlten Urlaub zu beantragen, aber sein Gesuch wird abgelehnt. Ein Brief der Mutter gibt ihm den entscheidenden Hinweis, wo er den Mann finden kann, der seinen Vater denunzierte und ihn so ins Konzentrationslager brachte. Aber der Verräter, so stellt er später fest, kann sich nicht mehr erinnern. Pospischiel erhält die Kündigung, wird dann gegen schlechtere Konditionen neu eingestellt.
Max von der Grün verortet seine Geschichten zwar in der Arbeitswelt und doch ist der Ort gleichermaßen Schauplatz familiärer, sozialer und gesellschafts-politischer Probleme. Er greift die Entfremdung, Monotonie und Automatisierung der Arbeit auf, schildert anschaulich die Profitgier der Unternehmer und die mangelnden Arbeitsschutzbedingungen.
Autobiographische Notizen
Rund drei Monate las sich Butkus durch das umfangreiche Material. Er sprach mit Jennifer von der Grün, der Witwe des 2005 verstorbenen Schriftstellers. Auf der Leipziger Buchmesse konnte er bereits Band I und III der zehnbändigen Edition vorstellen. "Im Herbst liegen die nächsten zwei Bände vor", so der Herausgeber, der sich über die Unterstützung durch die Kunststiftung NRW freut.
Den Romanen sind Erzählungen und autobiographische Notizen zur Seite gestellt, die im Kontext der Romane stehen.
Der Max-von-der-Grün-Kenner und Herausgeber Stephan Reinhard leitet diese literarischen Querverweise ein. Autoren wie Frank Göhre und Wolfgang Delseit, Heinrich Peuckmann und Wolf Körner schreiben die Nachworte. Sie kannten den Schriftsteller aus der Gruppe 61, die Max von Grün ins Leben rief.