Recklinghausen. Der Tag beginnt nach friedlosen Träumen. Unruhig wälzt sich Hedda Gabler im weißen Unterrock auf dem Sofa hin und her – inmitten gefrorenen Gefühls. Der Zweisitzer – Hauptrequisit des Theaterabends, wie die Zuschauer bald sehen – steht in einer bühnenweiten Decke von Kunstschnee, in dem die Akteure bald schlittern und stürzen oder sich übermütig balgen und Schneebälle nacheinander werfen.
Überhaupt veranstaltet Regisseurin Alice Buddeberg allerlei, um das seelische Unterfutter des notorischen Klassikers aus dem 19. Jahrhundert hervorzukehren. Vernichtungsgelüste, Hochmut, quälendes Begehren, enttäuschte, anscheinend unerfüllbare Lebenslust enthüllt Henrik Ibsen in den dem Bürgertum seiner Zeit abgelauschten Dialogen. Im Kleinen Theater des Festspielhauses der Ruhrfestspiele wandelt sich das Konversations-Kammerspiel "Hedda Gabler" zum Körpertheater; die schmähliche Wahrheit kommt hier weniger im beiläufigen wörtlichen Bekenntnis als im geilen Miteinander-Ringen an das rot-trübe Licht der Heizspiralen, die aus dem Bühnenhimmel hängen.
Feuchtfröhlicher Männerabend
Grell-komische Tupfer setzen Travestie-Einlagen in der Inszenierung. Vom feuchtfröhlichen Herrenabend, der in zweifelhaften Salons endet, kehren die Männer in Nylon-Strumpfhosen, auf roten Stöckelschuhen staksend, ins bürgerliche Heim zurück. Diese Dramaturgie der Dekonstruktion – koproduziert von den Ruhrfestspielen und dem Schauspiel Frankfurt – verzichtet auf manches Stück der Vorlage, weshalb sich die Aufführungszeit auf erträgliche 100 Minuten vermindert. Weil vieles an Vorgeschichte und Vorbereitung fehlt, wirkt manches unmotiviert.
Gespielt wird nach einer Übersetzung von Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen in oft anmachender, direkter, distanzloser Sprache. So verkörpert auch Constanze Becker, 2008 zur Schauspielerin des Jahres gekürt, die Titelfigur. Deren Charakter modelliert sie in launischer Wechselhaftigkeit, von flüchtigen, schnell erlöschenden Impulsen umgetrieben. Nichts bleibt dieser Hedda von emotionalem Interesse mehr als Sekunden, auch nicht der Erfolg ihrer ingeniös ins Werk gesetzten Menschenvernichtung.
Weitere Aufführungen:
14. und 15. Mai, 20 Uhr - Karten: Tel. (02361) 92 18 0. Frankfurter Premiere: 9. Oktober.
Mit ihrer Selbsttötung zum Schluss gibt Ibsen seiner Heldin eine heute womöglich zweifelhafte Größe. In Recklinghausen erschießt sich Hedda Gabler nicht, was sie wohl umso eher als Opfer der übermächtigen Geschlechterordnung erkennen lassen soll. Der Schlusssatz des Stücks, "So etwas tut man doch nicht", kommentiert hier nicht die vollzogene Tat, Hedda Gabler lässt vielmehr nachsinnend die Pistole sinken, die schließlich wie ein männliches Glied – ein langsamer verlöschendes Schlaglicht hebt es hervor – zwischen ihren Beinen von der Hand baumelt. Ein wirklich überzeugender Theaterabend war es dennoch nicht.