Bielefeld. Peter Schneider war einer der führenden Aktivisten der 68er Bewegung. In Berlin war er als Student mittendrin in den Auseinandersetzungen. In seinem Buch "Rebellion und Wahn" setzt sich der 69-Jährige kritisch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinander. Stefan Brams sprach mit dem Autor.
Herr Schneider, der Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschossen hat, ist erst jetzt als Stasi-Spitzel enttarnt worden. Muss die Geschichte der 68er-Bewegung neu geschrieben werden?PETER SCHNEIDER: Nein, aber es wäre eine ganze Menge anders gelaufen, wenn wir das damals gewusst hätten. Wir hätten uns auf der Fahrt von Berlin zur Trauerfeier von Benno Ohnesorg nach Hannover sicherlich nicht von den DDR-Behörden durchwinken lassen, sondern die Autobahn blockiert. Auch gegen die 4.000 salutierenden FDJ-ler hätte sich mit Sicherheit Protest erhoben. Und viele kluge junge Leute, hätten nicht ihre besten Jahre in der DKP vertrödelt, wenn sie um die Rolle der Stasi gewusst hätten.
Peter Schneider
Peter Schneider, am 21. April 1940 in Lübeck geboren, war neben Rudi Dutschke und anderen, einer der Wortführer der Studentenbewegung. 1973 schrieb er seine Erzählung "Lenz", die vom Scheitern der Revolte handelt. In seinem Buch "Rebellion und Wahn", das 2008 erschien, setzt sich der Autor in einer sehr persönlichen kritischen Bilanz mit 1968 auseinander.
Heißt das auch, die 68er Revolte wäre anders verlaufen?SCHNEIDER: Das eben nicht. Ich war am 2. Juni 1967 dabei. Und an diesem Tag haben wir, auch ohne die Schüsse auf Ohnesorg, einen erschreckenden Ausbruch von Brutalität und Gewalt durch die Polizei erlebt. Daher die Radikalisierung des Protests. Allerdings wäre er weniger einseitig gewesen, hätten wir um die Stasi-Hintergründe gewusst. Viele von uns hätten ihre Schonhaltung gegenüber der DDR aufgegeben und in diese Richtung protestiert. Aber die Studentenbewegung hätte es dennoch gegeben. Man muss daran erinnern: wir waren Teil einer weltweiten Protestbewegung.
War die Einflussnahme der Stasi auf die Studentenbewegung damals ein Thema?SCHNEIDER: Durchaus. Ich hatte ja selber Kontakt zu einem IM namens Kittelmann, der uns ein sensationelles Dossier über die Nazi-Verstrickungen von Springer-Journalisten und Springer selber ankündigte. Was wir dann bekamen, war eine Sammlung von Intima über Axel Springer und seine Frauengeschichten. Da wir es nicht machen wollten wie die Bild-Zeitung, haben wir es in den Papierkorb geschmissen. Und es wird noch mehr solche und andere Aktivitäten der Stasi gegeben haben. Doch die Unterstellung, die Studentenbewegung sei entscheidend von der DDR beeinflusst oder gar gesteuert gewesen, halte ich für lächerlich. Sollen etwa auch die Studenten in Frankreich, Italien, USA von der Stasi gesteuert worden sein? Das ist absurd.
Wie haben Sie 1968 für sich ganz persönlich erlebt?SCHNEIDER: Da gab es eine tolle, eine befreiende Phase vor allem in den Jahren 1966 und 1967. Die kreative Provokation, der Spaß an der Regelübertretung stand im Vordergrund. Mit dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 war es mit dem Spaß vorbei. Es setzte die Aufsplitterung in Parteien ein. Einerseits die DKP und SEW, anderseits die maoistischen Gruppierungen. Was als Befreiung von autoritären Zwängen begonnen hatte, wurde eine Zwangsveranstaltung.
Gab’s bei Ihnen einen Punkt, an dem Sie sagten, das ist nicht mehr meine Bewegung?SCHNEIDER: Ja, aber ich habe lange gebraucht. Erst als ich 1970 bei Bosch in der Produktion arbeitete, begriff ich, dass wir uns verirrt hatten. Ich war in einer Frauenabteilung. Die mochten mich zwar ganz gerne, aber wenn ich über die Ausbeutung und den Kapitalismus schwadronierte, dann sagten sie: "Du bist doch ein netter Junge, aber erzähl uns nicht solchen Blödsinn." Eigentlich haben die Bosch-Frauen mir den Kopf zurecht gerückt. Meine eigene Befreiung bewirkte dann meine Erzählung "Lenz", die ich 1973 veröffentlichte. Prompt wurde ich im eigenen Lager als Verräter und Renegat beschimpft.
In Ihrem Buch schreiben Sie "Man kann der Gesellschaft und uns nur dazu gratulieren, dass wir nie eine reale Chance hatten, die Macht zu ergreifen." Warum darf ich dazu gratulieren?SCHNEIDER: Wir wären in dieser späteren, in dieser verirrten Phase schrecklich gewesen. Wir waren undemokratisch geworden. Und wir hatten diese Phantasien: Wenn der oder der an die Macht kommt, wird der und der an die Wand gestellt. Und dennoch sage ich: Es war richtig, dass wir rebelliert haben, denn die Demokratie, die wir vorfanden, war unglaubwürdig. Zu viele ehemalige Nazis saßen an den Hebeln. Es war unvermeidlich, dass es zum Zusammenstoß einer rebellischen Jugend mit dem von der Nazizeit geprägten Personal gekommen ist.
Was bleibt denn von 1968?SCHNEIDER: Die deutsche Kultur des Gehorsams ist damals massenhaft und ein- für allemal gebrochen worden. Dass es heute so etwas gibt, wie offen bekennende Schwulen und Lesben in der CDU, das sind auch Folgeprozesse der großen Provokation und Lockerung, die damals stattgefunden hat.
Herr Döpfner, Chef des Springer Verlags, hat gefordert, die "uneinsichtigen Protagonisten" der 68er sollten sich beim Springer-Konzern entschuldigen. Sie haben 1967 das Springer-Tribunal organisiert. Sind Sie seiner Aufforderung schon nachgekommen?SCHNEIDER: Die damalige "Berichterstattung" in Bild, BZ und Morgenpost bleibt ein Schandfleck in der Geschichte der Nachkriegspublizistik. Von diesem Urteil weiche ich keinen Millimeter ab. Da kann Herr Döpfner nicht 42 Jahre später kommen und sagen, wir sind ganz zu Unrecht angeklagt worden. Die Springer-Leute haben doch die Wahrheit auf den Kopf gestellt. Sie haben uns sogar die Schuld am Tod von Benno Ohnesorg in die Schuhe geschoben – und jetzt sollen wir uns entschuldigen? Viele von uns 68ern haben inzwischen selbstkritische Blicke auf diese Zeit geworfen, Herr Döpfner und die Seinen haben dies öffentlich nie getan.
Was bereuen Sie in der Rückschau?SCHNEIDER: Für kurze Zeit bin auch ich damals dem Maoismus auf den Leim gegangen und habe in dieser Zeit ein paar hirnverbrannte Statements abgegeben. Zwar habe ich nie mit der RAF sympathisiert, aber einige Sätze konnten durchaus als Aufrufe zur Gewalt missverstanden werden. Da war ich selber in einem ideologischen Strudel gefangen – und ich bin alles andere als stolz darauf, dass mir so etwas passieren konnte.