Melanie Liebheits liebevoller, augenzwinkernder Film "Wiedergeboren in Westfalen" liegt jetzt auf DVD vor
Hamm. Egal ob drei Telefone gleichzeitig klingeln oder das Bauamt so seine Schwierigkeiten mit dem indischen Tempelbau in Hamm hat und die angeheuerten Elefanten für das Tempelfest nicht stressresistent genug sind, der Priester Sri Pakskaran hat die Ruhe weg. Mit warmer Stimme nimmt er sich umsichtig und stets freundlich aller Anliegen an und setzt sich, dank seiner freundlich-hartnäckigen Art durch – meistens.
Wenig verwunderlich also, dass der Priester sein Mantra so umschreibt: "Wenn es geht, dann geht es." Und damit passt der Hindu, der 1985 seine Heimat Süd-Indien verließ, sehr gut nach Hamm in Westfalen, denn stur sind die Menschen hier auch – und durchsetzungsfähig.
Wie die Welt des Hindu-Priesters, der in Hamm-Uentrop dem größten tamilischen Hindu-Tempel in Europa vorsteht, und die westfälische Mehrheitsgesellschaft einander begegnen, davon erzählt Melanie Liebheit in ihrem liebevollen, augenzwinkernden Film "Wiedergeboren in Westfalen", der jetzt auf DVD vorliegt.
Inhalt für sich selbst sprechen lassen
Ein sehenswerter Film, der allein seine Protagonisten zu Wort kommen lässt, auf jeden Hintergrundkommentar verzichtet und so die Welt der Hindus und ihrer Nachbarschaft ganz für sich sprechen lässt.
Da ist zuallererst der Priester selbst, der 1985 in Hamm Asyl beantragte und in die Kamera spricht: "Mein Herz hat mir damals gesagt, hier musst Du einen Tempel bauen." Im Juli 2002 wurde der gleich neben der A 2 eröffnet. Mitten im Industriegebiet eingezwängt zwischen Windrädern, Kohlekraftwerk, Kühlturm und Groß-Schlachterei liegt der "Sri Kamadchi Ampal Tempel". Und gleich gegenüber das unscheinbare Gemeindehaus seines Priesters. Der steckt mittendrin in den Vorbereitungen für das Tempelfest, zu dem 20.000 Gläubige aus ganz Europa erwartet werden.
Liebheit spiegelt das Alltagsleben seiner Familie, zeigt das Tempelleben, die Kinder des Priesters in der Schule, die ihren Mitschülern die Göttervielfalt ihres Glaubens erklären, und schneidet diese Szenen immer wieder gekonnt gegen mit Szenen aus der Nachbarschaft. Da ist der Bauer, dessen Kühe zur Tempeleinweihung ausgeliehen wurden, da sind die Stammkunden der Imbissbude, denen der Tempel zunächst nicht geheuer war, und da zeigt Liebheit das Vereinsleben in Hamm-Uentrop mit seinen Höhepunkten: Osterfeuer und Schützenfest.
Rituale bestimmen das Leben
Spätestens im Gegeneinanderschneiden dieser Szenen wird deutlich, so fern sind sich die beiden Gemeinden gar nicht. Rituale sind es, die das Leben auf beiden Seiten bestimmen. Und das Miteinander gar nicht so schwer machen.
So strömen am Ende des Films 20.000 Hindus zum ausgelassen Tempelfest in den kleinen Ort und niemand scheint sich unwohl zu fühlen, obwohl die Rituale hier eine ganz Spur drastischer sind als beim Schützenfest, sich Männer Spieße durch die Wangen bohren, Nadeln in den Körper stecken, ekstatisch tanzen, während sie dort auf den hölzernenen Adler ballern, sich zuprosten und Korn trinken.
Und mittendrin Priester Sri Paskaran. Auf den scheint das westfälische Umfeld bereits abgefärbt zu haben. Kaum ist das bunte, laute Tempelfest gefeiert, plant er schon das nächste. Und auch die Klage, dass die Hindu-Trommler eigentlich pünktlich um 16 Uhr hätten anfangen sollen, klingt eher deutsch denn indisch. Wiedergeboren in Westfalen, eben.
<LI>Melanie Liebheit: "Wiedergeboren in Westfalen"; Ko-Produktion mit der HFF München und dem Westdeutschen Rundfunk, 80 Min., DVD bei Doc Collection.