Bielefeld. Von Bielefeld-Brake aus führte sein Weg über Bad Salzuflen, Sitz des Labels "Fast Weltweit", nach Hamburg. Dort stieg Jochen Distelmeyer als Sänger und Songschreiber der Band "Blumfeld" zum Mastermind des intellektuellen Diskurspops der "Hamburger Schule" auf. Thomas Klingebiel sprach mit dem 42-Jährigen über sein Soloalbum "Heavy", mit dem er zwei Jahre nach dem Ende von Blumfeld auf die Popbühne zurückkehrt (am 6. 11. in Bielefeld).
Herr Distelmeyer, einer Ihrer neuen Songs heißt "Wohin mit dem Hass?" . Was raten Sie?JOCHEN DISTELMEYER: Der Sänger des Stücks sagt: Gebt mir euren Hass und seht, wie ich ihn verwandle. Der weitere Verlauf des Albums soll hier und da Ausdruck dieser Verwandlung sein.
Sie stellen sich als Projektionsfigur zur Verfügung?DISTELMEYER: Genau.
Mutig.DISTELMEYER: Ich weiß nicht. Wenn man Platten veröffentlicht, macht man das ja, sich als Projektionsfigur anzubieten. Für mich sind bei der Frage, wohin mit diesem negativen, gärenden Gefühl, die möglicherweise gängigen Ausdrucksformen keine Lösungen. Sie können ein politisches probates Mittel zum Ausdruck einer Interessenslage sein. Sie taugen aber nicht zur Bewältigung dieses Gefühls. Ich komme als Sänger im Verlauf des Stücks zu der Einsicht, dass ich mich anders mit diesem Gefühl auseinandersetze.
Statt Autos anzuzünden einen Song schreiben und singen?DISTELMEYER: Zum Beispiel, ja. Das Gefühl anerkennen, dem nachspüren und versuchen, einen anderen Umgang damit zu entwickeln.
Sollen sich von dem Song auch Fans angesprochen fühlen, die Ihre schlichten, unverschlüsselten Lieder und den charttauglichen Popsound der neuen Platte als Verrat an Blumfeld empfinden?DISTELMEYER: Keine Ahnung. Ist Blumfeld nicht immer alles gleichzeitig gewesen? Zumindest hat es sich für mich so angefühlt. Selbst auf Platten wie "Verbotene Früchte" gab es Stücke wie "Strobohobo".
Aber die Gewichtung hat sich deutlich in Richtung harmonisch und konsenstauglich verschoben.DISTELMEYER: Also Melodien sind mir schon immer sehr wichtig gewesen, auch schon zu "Ich-Maschine"- und "L’Etat et Moi"-Zeiten.
War das ein Grund für das Ende von Blumfeld? Unterschiedliche Auffassungen, wie weit man da gehen will?DISTELMEYER: Nein, gar nicht. Das war für mich der Endpunkt einer sehr schönen und für mich bedeutsamen und tollen Entwicklung. Das letzte Album war, wie ich später realisiert habe, der perfekte Schlusspunkt. Der letzte Pinselstrich an einem Bild, was dann fertig war.
Anders gesagt: Sie haben keine Entwicklungsmöglichkeit in Ihrem Sinn mehr gesehen.DISTELMEYER: Für das, wie ich mich selber und wie sich auch mein Selbstverständnis gewandelt hatte, und für das, was vor mir liegen würde und wo ich hin wollte, war es zwangsläufig und richtig zu sagen: Ich mach’ das jetzt unter meinem Namen und alleine weiter.
Das Soundspektrum von "Heavy" reicht von unbegleitetem Gesang über poppige Liebeslieder bis zu krachigen Indie-Rock-Songs. Wollten Sie ein umfassendes Statement abgeben: Das ist der neue Distelmeyer?DISTELMEYER: Mir gings einfach darum, Songs zu schreiben, in Lieder zu fassen, was mich beschäftigt. Ich bin da nicht konzeptuell drangegangen. Das waren die Songs, die ich aufnehmen wollte, und ich hab’ jedem Lied nachgespürt, wie es klingen müsste, wie es sich am besten anfühlt.
Wenn man sich die Songtexte zu einer Geschichte zusammenliest, geht es um jemanden, der von seiner Frau getrennt ist, der träumt, wieder mit ihr zusammenzukommen, und am Ende als Single-Vater zufrieden seinen Kindern beim Spielen zuschaut. Entspricht das Ihrer Lebenssituation?DISTELMEYER: Nein. Mir ging’s darum, was passiert, wenn bestimmte Bilder, die man von sich selber hat, von der Welt, von jemand anders, so nicht mehr haltbar sind. Wenn die Blasen platzen, die Projektionen an den Dingen nicht mehr haften bleiben.
Es ist kein persönliches Trennungsalbum? DISTELMEYER: Nö, für mich jetzt so nicht. Das taucht darin auf, das ist auch Thema, aber bei dem Album geht es für mich halt noch um mehr. Wie es danach weitergeht, wenn man mit all den Illusionen, Träumen, Vorstellungen, die man hatte und hat, auf sich selbst zurückgeworfen ist. Wie man eine andere Beziehung zu dem bekommt, an das man vorher unbedingt geglaubt hat. Den Traum nochmal zu träumen, aber nicht in einer Form von einer die Augen verschließenden Fluchtbewegung, sondern aus dem Zustand eines Erwachtseins, you know?
Begeben Sie sich mit "Heavy" bewusst in Konkurrenz zu jüngeren Popbands wie Silbermond oder Wir sind Helden?DISTELMEYER: Ich habe keine Konkurrenzgefühle. Ich sehe mich nicht in Abgrenzung zu irgendwas.
Aber Sie möchten auf dem Feld schon gern mitmischen?DISTELMEYER: Ich fand’s auch zu Blumfeld-Zeiten schon gut, wenn meine Songs so vielen Menschen wie möglich gefallen.
Sie waren Vorbild für viele jüngere deutsche Songschreiber. Haben Sie Bezugspunkte zur aktuellen Szene oder schauen Sie nur auf den eigenen Weg?DISTELMEYER: Ich hab nicht soviel mitbekommen, was so an zeitgenössischen Sachen in letzten Jahren so passiert ist.
Man kann dem doch nicht entgehen, wenn man Radio oder Fernsehen einschaltet.DISTELMEYER: Fernsehen gucke ich nicht so. Klar hört man im Radio hier und da mal Stücke, aber das hat mich nicht so interessiert. Grundsätzlich schreibe ich meine Songs für mich erstmal, und dann gucke ich, was damit passiert.
<li>Jochen Distelmeyer: "Heavy", CD, Columbia. Konzert: 6. November, Kamp (Bielefeld).