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10.09.2009
Der Urvater des Musicals
Wie Burkhard Schmilgun den Broadway-Komponisten Gustave Kerker aus Herford entdeckte
VON MATTHIAS GANS

Ein Herforder in New York | FOTO: VERLAG

Herford/Hannover. Die "Was-wäre-wenn"-Frage zu stellen ist ein beliebtes, aber müßiges Unterfangen. Weil niemand die Antwort kennt. Doch bei Gustave Kerker reizt sie besonders. Was wäre aus dem Herforder Musikantensohn und späteren Broadway-Komponisten geworden, wenn sein Vater Gustav Adolph nicht 1867 fahnenflüchtig aus dem beschaulichen Westfalen nach Louisville/Kentucky entfleucht wäre, die Familie mit dem damals Zehnjährigen im Schlepptau? Und wie sähe heute das Musical aus?

Erste Antworten könnte ein Konzert heute Abend im Landesfunkhaus Niedersachsen in Hannover geben. Dort wird die NDR Radiophilharmonie unter Howard Griffiths Werke Kerkers spielen. "Als die Operette zum Musical wurde oder: Wie Gustav Kerker den Broadway nach Deutschland brachte", heißt der Abend.

"Die Musik ist eine Entdeckung", sagt Burkhard Schmilgun. Der CD-Produzent (siehe Infokasten) ist bei Recherchen für die Operettenreihe seines Labels "cpo" (classic production osnabrück) auf Kerker gestoßen. "Ein Herforder, der am New Yorker Broadway Karriere gemacht hat", das ließ den in Herford lebenden Produzenten nicht ruhen. Und so stellte der 54-Jährige Nachforschungen an.

25 Werke bis zu seinem Tod

Doch die Stofflage ist dürftig, lediglich ein in den USA erschienenes Kompendium über das Musical gibt dürftig Auskunft. Demnach erhielt der 1857 in eine Musikerfamilie geborene Kerker schon mit sieben Jahren Cellounterricht. Nach der Übersiedlung in die USA – ab nun hängt er an den Gustav ein "e" –, spielte er in verschiedenen Orchestern, leitete gar mit 16 an der "Deutschen Oper" von Louisville eine Aufführung des "Freischütz". Mit 20 Jahren tourte er mit seinem ersten eigenen Stück, der Operette "Cadets", durch den US-amerikanischen Süden. 25 Werke sollten bis zu seinem Tod in New York 1923 folgen.

Info
Karten: Tel. (0511) 988 29 99.

Sein bekanntestes Werk war "Belle of New York" (1897). Allein in London wird es knapp 700 Mal aufgeführt. In Wien eröffnete Eduard Strauß, Bruder des berühmten "Walzerkönigs", die Konzertsaison 1898/99 mit einem Potpourri daraus, wie Uwe Schneider, Mediendramaturg der Dresdner Staatsoperette und verantwortlich für die Konzeption des Hannoveraner Konzerts schreibt.

Eine originale Gesamtaufführung des Stückes ist bislang nicht möglich. "Ich konnte weder Orchesterstimmen noch Partituren finden", so Schmilgun an. "Einzig Klavierauszüge sind vorhanden." Die Ausschnitte aus "Bell of New York" werden in Hannover aus einer zeitgenössischen Orchesterfassung gespielt, die der Komponist und Arrangeur Charles Godfrey jr. erstellt hat. In einem anderen Fall hatte Schmilgun Glück. Von der knapp halbstündigen Opern-Parodie "Burning to Sing, or Singing to Burn" (1904), a "VERY Grand Opera in One Act", fand sich in Australien das komplette Orchestermaterial. Dort wurde das Stück letztmalig 1941 aufgeführt. Jetzt ist es erstmals in Deutschland zu hören.

Erstmals in Deutschland zu hören

Drittes Werk des Abends ist die "amerikanische Tanzoperette", so die Bezeichnung, "Die oberen Zehntausend", die übrigens nichts mit dem Film zu tun hat. Kerker schrieb das Werk 1909 für das Berliner Metropoltheater und dirigierte auch die Uraufführung. "Toller und bunter kann es nicht kommen", schrieb die Vossische Zeitung in – leicht irritierter – Begeisterung.
Preis für das Lebenswerk | FOTO: MATTHIAS GANS

Schmilgun ist von der Musik auch heute noch fasziniert. "Das ist auf einem Niveau mit Arthur Sullivan", ist er überzeugt, und meint damit den berühmten englischen Zeitgenossen Kerkers, der gemeinsam mit seinem Librettisten William Gilbert meisterhafte komische Opern schrieb. Ob man es "AmeriTanzoperette", "Revue" oder "Musical Comedy" nennt, für Schmilgun steht fest: Gustave Kerker gehört zu den Gründungsvätern des Musicals. Auch die Orchestermusiker und Dirigent Howard Griffiths, sowie die sieben Solisten der Staatsoperette Dresden, die beim Konzert mitwirken, seien höchst angetan von seiner Musik.

Bei diesem Konzert, das Schmilgun auch moderieren wird, und der Produktion einer CD, die nächstes Jahr bei cpo erscheint, soll es nicht bleiben. In Sachen Kerker bleibt Schmilgun am Ball. "Eine szenische Aufführung am Dresdner Haus kann ich mir gut vorstellen." Noch einmal darf Kerker nicht in der Versenkung der Musikgeschichte verschwinden. Das ist Schmilgun dem Komponisten auch als Herforder schuldig.

Ehrenpreis fürs Lebenswerk

Kerker-Entdecker, Konzert-Moderator und Geehrter – heute Abend steht Burkhard Schmilgun, seit 1991 beim Label "cpo" für Künstler und Repertoire verantwortlich, dreifach im Rampenlicht. Von der renommierten Jury der deutschen Schallplattenkritik bekommt er als Produzent den Ehrenpreis fürs Lebenswerk: "Mit seinem Gespür für Lücken abseits des Mainstreams hat er nicht nur den Katalog des Labels nachhaltig geprägt, sondern auch selbst ein Stück Rezeptionsgeschichte geschrieben", heißt es in der Begründung.

Seinem Engagement sei es zu verdanken, dass verschollene oder als Kleinmeister geschmähte Komponisten wie Erdmann, Hindemith, Korngold, Krenek, Pettersson, Toch, Weingartner und Wellesz überhaupt erst wieder zu Ehren gekommen seien.

"Eine große Freude", so reagiert Schmilgun. "Bei cpo genieße ich das Vertrauen der Geschäftsführung und kann völlig frei, aber mit Augenmaß meine Ideen verwirklichen. Das ist wirklich ein Glücksfall." Monatlich bringt das Osnabrücker Label sechs Neuerscheinungen heraus, die weltweit vertrieben werden. In Deutschland sind die CDs nur über den Versand jpc erhältlich.



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