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13.10.2009
Außenseiter – Amokläufer
Doppelstart mit "Peter Grimes" und "Salome" an der Deutschen Oper am Rhein
VON MICHAEL BEUGHOLD

Gewaltspielchen | FOTO: H. J. MICHEL

Düsseldorf/Duisburg. Intendanz-Neustart auch an der Deutschen Oper am Rhein. Doch anders als beim Kölner Nachbarn übernimmt Christoph Meyer ein wohlbestelltes (Zwei-Städte-)Haus, das den Ruf gehobener Ausrichtung und hervorragender Ensemble-Aufstellung genießt. Mehr als ein "Durchlüften" mit neuen eigenen Akzenten und Regie-Handschriften steht nicht an. Der Doppelstart zweier jüngerer Regietalente mit Repertoireklassikern des 20. Jahrhunderts, hie Benjamin Brittens erstmals an der Rheinoper gespielter "Peter Grimes" (1945), da die "Salome" von Richard Strauss, war von bemerkenswert gegensätzlicher Musiktheater-Machart.

In Brittens Außenseiterdrama wird ein Fischer für den Tod seiner Lehrjungen verantwortlich gemacht, ausgegrenzt, in den Freitod getrieben. Kaspar Zwimpfers graue Bühnenlandschaft aus Türen und Fenstern mit dem Bildpotenzial einer Flutwelle schafft eine expressionistisch aufgeladene Atmosphäre. Regisseur Immo Karaman setzt, gestisch ausgefeilt, letztlich aufs falsche Pferd, wenn er die Dorfgemeinschaft (starke Chöre, nicht ganz authentische Solisten) als Zombie-Kollektiv vorführt, statt die Tragödie aus dem ganz Alltäglichen heraus zu entwickeln und auch nach allfälligen dunklen Seiten des Titelhelden zu fragen. Der ist mit Roberto Saccá so prominent wie untypisch besetzt; sein warmer lyrischer Tenor gibt wunderbar belkantisch dem Anderssein Ausdruck, unterläuft aber die existenziellen Töne und Gewaltausbrüche. So geht einem das Stück nicht, wie zuletzt in Hannover und Gelsenkirchen, unentrinnbar unter die Haut.


Der Düsseldorfer Einstand von Musikchef Axel Kober übertünchte, mehr dramatisch zugespitzt als klangatmosphärisch schattiert, manches mit allzu breitem Pinsel. Da hatte Gastkollege Michael Boder, wie er den opulenten Strauss-Klang mit den Duisburger Philharmonikern durchleuchtete und auffächerte, doch beeindruckend mehr zu bieten, ein weithin brillantes "Salome"-Ensemble inklusive.

Zu wohligem Sinnenkitzel taugt Tatjana Gürbaca der Dekadenzschocker von 1905 nicht. Sehr klug, im Handling etwas holzschnittig und knallig entdeckt die Konwitschny-Schülerin darin Symptome unserer Zeit. Klaus Grünberg verlegte den biblischen Sündenpfuhl ins himmelblau-rosa tapezierte traute Heim eines Halbwelt-Tycoons Herodes (gleißend-zuckrig: Wolfgang Schmidt). Nach Dauer-Abfeiern machen sich unter Verwandten, Geschäftsfreunden, Bodyguards Langeweile und allerlei Lüste zwischen Gewalt und Groteske breit. Die aus dem Heizungskeller tönende Stimme des Propheten als Fundi einer anderen Welt (genussvoll unerbittlich: Markus Marquardt), seine Opferrolle in vereinten Gewaltspielchen fürs Fotohandy und Narraboths Harakiri (vom Tenorfeinsten: Norbert Ernst) setzen in Girlie Salome Verdrängtes frei. Ihr "Tanz der sieben Schleier" wird zum Strip der anderen Art: Wie Hamlet lässt sie eine böse Familiengeschichte nachspielen – die ihres Missbrauchs durch Kinderfreund Papi, der das wollüstig auf Video filmt. Der eingeforderte Kopf des Jochanaan ist nur Stimulus für einen Amoklauf. Morenike Fadayomis gleichwohl sinnlich leuchtender Schlussgesang ist der eines Racheengels, der im Blutrausch die ganze Sippschaft ausrottet und sich selbst richtet.
So diskutierbar heftig ging es an der Rheinoper selten zur Sache.

Nächste Termine: "Peter Grimes" in Düsseldorf am 11., 17. Oktober, Karten: (0211) 89 25 21; "Salome" in Duisburg am 11., 25. Okt., Karten: (0203) 940 77 77.


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