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10.11.2009
"2012" - Emmerichs jüngstes Gericht
Die Lust am Untergang
VON ANKE GROENEWOLD

Die Flut rollt an | FOTO: SONY

Bielefeld. Roland Emmerich hat es nicht leicht als König der Katastrophenfilme. Denn mit denen verhält es sich wie mit dem Kapitalismus: Jeder neue Film muss mehr bieten. Mehr Katastrophe, mehr Augenfutter, mehr Wumm. Das immerhin gelingt dem Deutschen in seinem neuen Film "2012" eindrucksvoll.

In dem 158 Minuten langen Actionspektakel geht es um "das Ende der Welt, wie wir sie kennen". Sonneneruptionen erzeugen Neutrinos, die schmelzen den Erdkern, was wiederum die die Erdkruste platzen lässt. Krude? Sicher, aber es ist ja nur ein Film. Die Natur wütet. Der Supervulkan im Yellowstone Park bricht aus und erzeugt einen Pilz wie eine Atombombe.

Amerika versinkt in Dunkelheit und Ascheregen. Die Weltmeere überfluten die Landmassen. Am Ende ist der Mount Everest ein kleiner Hügel, und Afrika kommt mit dem Kap der Hoffnung ganz groß raus. Die Sonne scheint weiter für die wenigen, die überlebt haben. Nach diesem Szenario kann Emmerich eigentlich nur noch Planeten-Billard spielen oder Galaxien zerstäuben.

Zerstörung -virtuos choreografiert

Der epische Tanz der Zerstörung ist virtuos choreografiert. Die Effekte sind vom Feinsten. Die Gigantomanie reduziert Menschenmassen zu Ameisen. Weder das milliardenfache noch das individuelle Sterben ist je so schmutzig, dass es nachhaltig verstört. Wusch und weg.

Als erstes muss Los Angeles dran glauben. Die Erde tut sich auf. Mehrstöckige Freeways bröckeln. Wolkenkratzer kippen, Autos fliegen aus Parkhäusern, Kalifornien kippt ins Meer. Mitten im Inferno flüchtet der erfolglose Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack) mit seiner Ex-Frau (Amanda Peet), ihren beiden Kindern und dem Neuen der Ex in einer Limousine. Eigentlich ist es unmöglich, das zu überleben. Aber Wunder geschehen. Sonst wäre der Film schon nach einer halben Stunde vorbei, und das wäre schade bei so netten Menschen.

Diese Jedermanns gehören zu den Ahnungslosen, die vom Weltuntergang überrascht werden. Das schlauere Gegenstück zu Jackson Curtis ist der Geologe Adrian Helmsley (Chiwetel Ejiofor), der die US-Regierung schon früh auf die drohende Katastrophe aufmerksam macht. Er hadert damit, ob es richtig ist, die Menschen nicht zu informieren und ihnen "das Recht zu nehmen, um ihr Leben zu kämpfen". Und vor allem, dass nur die Reichen und Wichtigen auf die Archen dürfen, die mehrere Nationen im Geheimen gebaut haben. Sie sollen das Überleben der Spezies Mensch sichern. An Bord gelangen aber auch Kunstwerke wie die Mona Lisa. Und Giraffen und Elefanten. Warum gerade die? Sehen einfach cooler aus als Hasen, wenn sie an Hubschraubern hängend eingeflogen werden.

Effekte und Klischee bestimmen den Film

Jenseits der Effekte herrscht das Klischee. Natürlich fallen die klassischen Worte "O mein Gott", "Was zum Teufel war das?" und "Wie viel Zeit haben wir?". Natürlich gelingt es einem Laien nach ein paar Flugstunden, Familie Curtis per Flugzeug aus dem sinkenden Kalifornien zu retten. Und natürlich sind es nur zehn Sekunden bis zum Aufprall, aber dennoch bleiben gefühlte Minuten für rührselige, "Ich liebe dich"-verseuchte Abschiedsdialoge.Es schmalzt arg im Drehbuch, das Emmerich mit Harald Kloser schrieb. Der Kampf ums Überleben kittet die zerrüttete Kleinfamilie, und das wird mit Zukunft belohnt. Weltuntergang tut gut: Fiese russische Millionärskinder werden nett, gescheiterte Väter geläutert, die Unverbesserlichen müssen sterben. Stets ist klar, welche Nebenfigur geopfert wird. Überraschend ist höchstens die Art des Abgangs.

Der schwarze amerikanische Präsident und sein italienischer Kollege gehen als wackere Kapitäne mit ihren Nationen unter. Das Arnold-Schwarzenegger-Double übrigens auch, was zu den häufig unfreiwillig komischen Momenten des Films gehört.

Männer sind mutig. Frauen dürfen in dieser Hymne auf die Kleinfamilie vor allem bangen und ihren ängstlichen Kindern die Augen zuhalten. Oder wie die Präsidententochter (Thandie Newton) feuchte Augen bekommen, wenn der smarte Adrian die Menschlichkeit beschwört. Wenn schon Katastrophe, dann konsequent.

Das Jahr 2012

Das Ende ist nah. Der Satz ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Weltuntergangs-Prophezeiungen haben seit jeher fasziniert. Roland Emmerich, der der Menschheit schon Außerirdische ("Independence Day"), eine Riesenechse ("Godzilla") und einen Eiszeit ("The Day After Tomorrow") auf den Hals geschickt hat, macht sein neues Szenario an dem 21. Dezember 2012 fest. Er sei beim Googeln darauf gestoßen, gibt er zu. Auf Internetseiten geistert tatsächlich die Behauptung herum, dass die Mayas in ihrem Kalender den Weltuntergang für diesen Tag vorausgesagt haben. Was seriöse Maya-Forscher als Unsinn bezeichnen. Der Maya-Kalender verzeichne das Ende eines für sie bedeutenden Zeitabschnitts. Vom Ende der Welt könne keine Rede sein. Es soll Inschriften der Maya geben, die weit über das Jahr 2012 hinausgehen. Auch von angeblich fatalen astronomischen Konstellationen weiß die Wissenschaft nichts.



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