INTERVIEW: Kognitionswissenschaftlerin Bettina Bläsing über kreative Prozesse und tanzende Roboter
Bielefeld. Das visuelle Ereignis Tanz fasziniert viele Menschen - ob sie ihn auf der Bühne sehen oder selbst ausüben. Was passiert beim Tanz im Körper und im Kopf? Und wie entsteht eine Choreografie? Auf dem Bielefelder Symposium "Tanz und Kognition" mit internationalen Forschern verschiedener Fachrichtungen ging es um diese und viele andere Fragen.Heike Krüger sprach mit der Kognitionswissenschaftlerin Bettina Bläsing, die das Treffen bereits zum zweiten Mal nach 2007 organisiert hat.
Tanzen Sie selbst, Frau Bläsing?
Ich habe früher viel getanzt, manchmal 20 Stunden pro Woche Jazz- und Modern Dance. In einer freien Tanzgruppe habe ich sogar Choreografien mitgestaltet. Heute mache ich eher klassisches Ballett. Leider habe ich kaum Zeit dafür.
Rührt Ihre Begeisterung für das Thema aus eigener Erfahrung?
Nur zum Teil. Ich komme aus der Neurobiologie und habe in Edinburgh in der angewandten Verhaltensbiologie gearbeitet und dann in Bielefeld über das Laufverhalten von Stabheuschrecken promoviert. Mich hat die Verbindung von Biologie und Verhalten interessiert, die man ja für technische Systeme einzusetzen versucht. Die Arbeit ging auch ein bisschen in Richtung Robotik. So bin ich auf Bewegung gekommen. Und Tanz ist Bewegung.
Das Symposium heißt "Tanz und Kognition", also Wahrnehmung, Denken. Weshalb ist die Verknüpfung für Forscher interessant?
Tanz ist eine hochkognitive Sache. Körper hat ganz viel mit dem Denken zu tun. Der Körper hat einen großen Einfluss darauf, wie wir agieren. Das tun wir weitgehend über unsere Hände und mit dem Körper im Raum.
Was bedeutet in dem Zusammenhang "Embodiment" (siehe Kasten)?
In der Wissenschaft ist "Embodiment" eine Modeerscheinung, eine Art Neuentdeckung des Körpers in der Vorstellung von Kognition und Intelligenz. Plötzlich hat man gemerkt: Intelligenz ist nicht nur Schach spielen, sondern hat auch viel mit Bewegung, mit dem Körper zu tun. Für Tänzer ist es völlig absurd, sich was anderes vorzustellen. Tänzer reden oft davon, dass sie ein "Körper-Gedächtnis" haben. Man muss ihnen häufig erklären, dass ihr Körper-Gedächtnis in ihrem Gehirn ist.
Was lernt der Tänzer oder Choreograf von der Kognitionswissenschaft, was der Forscher vom Praktiker?
Der Leiter des Bielefelder Tanztheater, Gregor Zöllig, der beim Symposium eine praktische Übung mit uns gemacht hat, hat auch ein Kapitel zu einem Buch beigetragen, das 2010 erscheint. Für ihn war das wohl ein Anlass, sich damit auseinanderzusetzen, was passiert, wenn man eine Choreografie in Worte fasst. Sie also anders vermittelt, als es einfach zu tun. Zöllig hat seinen Prozess des Choreografierens analysiert. Für uns Wissenschaftler ist es eine große Bereicherung, dass jemand, der mit Wissenschaft nichts am Hut hat, Einblicke in so einen kreativen Prozess gibt.
Wie läuft der denn ab?
Zöllig hat zum Beispiel eine Art zu choreografieren, in der häufig Gesten oder Handbewegungen vorkommen. Damit beschäftigen wir uns auch. Das weiter zu hinterfragen, ist eine ganz spannende Sache.
Warum ist es denn so interessant für den Tänzer, diese Prozesse zu kennen? Oder ist es eher für Sie interessant?
Das ist für beide interessant. Viele junge Tänzer wollen wissen, was sie da tun. Die haben viele Ideen, häufig eigene Modellvorstellungen. Viele Tänzer interessieren sich brennend dafür, was im Gehirn passiert, wenn sie tanzen. Dazu muss man immerhin eine minimale Vorstellung davon haben, wie das Gehirn überhaupt funktioniert. Sonst bleibt es eine Black Box. Das gilt auch für Gedächtnissysteme. Wir beschäftigen uns ja auch damit, wie man Bewegungen lernt und wie man sie im Langzeitgedächtnis abspeichert und dann auch wieder abrufen kann. Das ist ein großes Thema für Tänzer: Sie müssen ganze Choreografien auswendig lernen und ständig schnell und teils unter sehr harten Bedingungen Unmengen einspeisen. Das muss man jahrelang trainieren, und dafür gibt es Techniken. Uns interessiert nicht nur, was da passiert, sondern auch, wie kann man Tänzer durch bestimmte Trainingsarten unterstützen. Oder wie kann man einzelne Tänzer coachen, die spezielle Probleme haben.
Was versteht man unter mentalen Trainigsmethoden für Tänzer?
Das ist ewas sehr Wertvolles, etwa wenn Tänzer Verletzungen haben und nicht mit voller Kraft trainieren können. Aber auch, wenn man mit Kindern und Jugendlichen trainiert, gibt es weit bessere Methoden, als sie immer nur Bewegungen wiederholen zu lassen. Da muss man Bewegungen erklären und auch wissen, wie man sie erklärt. Mit Martin Puttke aus Essen arbeiten wir deshalb auch an einem Ballett-Unterrichtssystem.
Kann man sagen, dass man mit Ihren Erkenntnissen die Choreografie aus der Ecke reiner Intuition und Emotion holt?
Es gibt viele, die meinen, Kunst und Wissenschaft darf man nicht verbinden - dann leidet die Kunst. Das sehen wir anders: Tanz und Choreografie ist eine hochkognitive Sache, denn man muss mit Raum und Zeit umgehen. Das an sich ist schon interessant. Ich denke, dass wir mit Veranstaltungen wie dieser einen Beitrag leisten, dass die verschiedenen Disziplinen miteinander ins Gespräch kommen. Bei uns reden Tänzer, Tanzpädagogen, kognitive Psychologen, Biomechaniker, Biokybernetiker und Tanzmediziner miteinander.
Ein großes Thema für Tänzer ist ihre relativ kurze aktive Bühnenlaufbahn. Können Forscher helfen, diese Zeit zu verlängern oder die Zeit nach der aktiven Phase besser vorzubereiten?
Ein guter Rat ist die Wahl der richtigen Trainingsmethoden, etwa durch zusätzliches mentales Trainings. Gerade das stark repetitive Training ist sehr verschleißend. Fehler passieren auch nach Verletzungen: Viele trainieren zu früh wieder und zu hart und haben dann oft Nachfolgeverletzungen. Da kann man mit den Methoden, an denen wir arbeiten, viel erreichen.
Was ist mit einer neuen Ästhetik, die ältere Profis auf die Bühne bringt?
Das Verstehen von kognitiven Prozessen fördert, glaube ich, das Verständnis, dass Tanz nicht nur Schönheit, Jugend und vitaler Körper sein muss, sondern dass das auch mit anderen Funktionen zu tun hat, die nicht unbedingt an Jugend gebunden sind.
Forscher entwickeln Roboter als Tanzpartner. Müssen wir uns auf deren Einsatz einstellen?
So was macht man vor allem in Japan. Dort gibt es eine viel größere Akzeptanz für Roboter in sozialen Rollen als bei uns. Das ist für uns eine total gruselige Vorstellung. Interessant ist, dass man daran arbeitet, diese Maschinen menschenfreundlicher zu machen. Das sind sehr hohe Ansprüche an einen Roboter, der viele Wissenschaftler auch bei uns fasziniert. Ich nehme an, dass es in Japan vielleicht sogar einen Markt gäbe für den Roboter als Tanzpartner.
Auf Ihrem Symposium ging es, etwa beim Workshop von Gregor Zöllig, mitunter sehr lustig zu . . . .
Ja, unbedingt. Gregor Zöllig wollte mit uns eine Mini-Choreografie erarbeiten. Das war sehr witzig, weil es ein großes Gedränge gab rund um die Tische im Plenarsaal. Die Jacketts flogen und die Titel sowieso. Für viele war’s das erste Mal, dass sie überhaupt so was gemacht haben. Das war ein großer Spaß.