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18.12.2009
Rabenschwarzer Schwanengesang
In Dortmund inszenierte Noch-Hausherrin Christine Mielitz Wagners "Lohengrin"
VON MICHAEL BEUGHOLD

Dringlich, dicht und düster | FOTO: THOMAS JAUK, STAGE PICTURE

Dortmund. Dieser "Lohengrin" ist dreifach starkes Musiktheater. Christine Mielitz, die nach dieser Spielzeit vorzeitig scheidende Intendantin, hat zu Wagners problematischster Oper eine zwingende Sicht ohne Schwan und ohne Ausflüchte entwickelt.
Mit Neo-GMD Jac van Steen geht ein zweiter Wagner-Stern über der Ruhr auf: Überaus flexibel in der Auffächerung, in farbiger Detailarbeit und groß gedachten Bögen verbindet er die gegenweltlichen Elemente dieser romantischen Oper zu einer pulsierend lebendigen Theatermusik. Die Dortmunder Philharmoniker präsentieren sich beachtlich aufpoliert, die Chöre gewohnt souverän. Dazu wurden in den Hauptpartien vier, fünf hervorragende Gastsänger aufgeboten.

Als rabenschwarzen Schwanengesang stimmt die Regisseurin Wagners traurigstes Werk an, wo das Wunder eintrifft, aber Erlösung ausbleibt. Interpretatorisch hat das nicht von ungefähr die Klasse ihres Wiener "Parsifal". Szenisch wird die typische Mielietz-Handschrift der heftigen Gefühle in ausgenüchtert kaltschwarzer Optik von Frank Fellmann (Bühne) und Renate Schmitzer (Kostüme) in großem Stil bedient. Ein bisschen viel Hebebühne, Zeigefinger und Chorführungs-Manier etwa beim kopfputzigen Krönungs-Kirchgang kann man als lässlich abziehen. Politstück und Psychodrama, Utopie und Gegenwart kommen in dieser Sicht beklemmend zusammen.

Vor Picassos "Guernica" geht es männerbündisch hierarchisch zu, wenn Brabants zugeknöpfte Führungskaste auf die atavistisch anmutenden Käppi-Kämpen von Kriegs-König Heinrich trifft. Die überragend profunde Bass-Macht von Stefan Klemm (sein getreues Heerrufer-Ebenbild: Simon Neal) ist auch international karriereverdächtig.

Galant geht man mit Elsa, der hart verklagten Kron-Erbin, nicht gerade um. Im kleinen Weißen macht sie reichlich verstörte, von der Realität überforderte Figur (zu wenig traumselig timbriert, aber intensiv: Susanne Schubert). Ihr Streiter scheint von Starlight-Express nebenan zu kommen, ein auch emotionell gepanzerter Alien mit Kurzschwert-Hand auf Mission Impossible: Dieser Welt Heil bringen, dabei ungefragt und derart überspannt geliebt er selbst zu bleiben – das muss fehlschlagen. Für den indisponiert angetretenen, lyrisch-silberhellen Tenor-Hünen Marco Jentzsch kam das Unheil schon vor dem rauschgoldenen Brautgemach; vom 2. Akt an sang Haustenor Charles Kim weniger Lohengrin-spezifisch, aber leuchtend gesund von der Seite ein.

Bemerkenswert eigenwertig ist Mielitz’ Sicht des "bösen" Paars Ortrud/Telramund. Zum einen entdeckt sie zwischen den zwei Frauen fast schwesterliche Nähe und Abstoßung; zum anderen gibt sie auch jener Paar-Beziehung eine von schwärzester Niedertracht unberührte Würde bis in den (Witwen-)Tod: Anton Keremidchiev beglaubigt das mit suggestiver Bariton-Kultur, Szilvia Ráliks gestylte Eleganz und mezzohelle Brillanz elektrisieren.
Erlösung von außen gibt es nicht, und ob das zarte Knäblein Gottfried (war er je weg?) unsere Zukunft sein kann, ist fraglich. So dringlich dicht und düster skeptisch bekam man Wagners Schwanenritter-Saga lange nicht erzählt.

Termine: 10. Jan., 14. März, 2. April; Karten: (0231) 50 27 222.


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