Bielefeld. Wenn William Ward Murta ein Musical schreibt, kann er nicht abschalten. Auch wenn er mit anderen Dingen beschäftigt ist, arbeitet es in seinem Kopf unablässig weiter. Sogar nachts. "Ich kann das nicht ausschalten", sagt der Musical-Kapellmeister am Bielefelder Theater und sieht dabei kein bisschen verzweifelt aus. "Manche musikalische Themen habe ich geträumt."
Seit drei Jahren treibt den 53-Jährigen sein neues Musical "The Birds of Alfred Hitchcock" um. Es ist zwar von Alfred Hitchcocks Film "Die Vögel" inspiriert. Murta übersetzt aber nicht die Filmhandlung ins Musical, sondern blickt hinter die Kulissen des Drehs, seziert den Horror hinter dem Horror: Hauptdarstellerin Tippi Hedren ist in einer Klinik gelandet. Tagelang hat Hitchcock ihr Vögel ins Gesicht werfen lassen. Sie ist verletzt und erschöpft. In Rückblicken erzählt sie ihre Geschichte – und ihr ambivalentes Verhältnis zu dem Meister-Regisseur, der das ehemalige Model entdeckte, förderte und verfolgte.
"Manchmal ähneln sich Musicals sehr. Ich wollte etwas Neues schaffen, das kein Klischee bedient", sagt der Amerikaner, der seit 25 Jahren am Bielefelder Theater Musical-Produktionen dirigiert, arrangiert und als Pianist im Einsatz ist.
Ungewöhnlich war schon der Held seines vorherigen Musicals "Starry Messenger" (Sternenbote): Galileo Galilei. Die Wissenschaft fasziniert den Musiker, der in Arkansas geboren wurde, in Tulsa, Oklahoma, aufwuchs und dort Musik, Komposition und Literatur studiert hat. Auch Tippi Hedrens Geschichte hat Untiefen. Manchmal werden in der Traumfabrik eben auch Albträume wahr.
Zurzeit probt er das Musical "The Scarlet Pimpernel"
Ein Hitchcock-Fan ist Murta seit seiner Kindheit. "Die Vögel" mag er besonders. Auch wenn er den Film schon im Alter von 12 Jahren ein bisschen mild gefunden habe, sagt er lächelnd. Aber das Werk hat ihn nicht losgelassen. Wer weiß, vielleicht erklärt es auch die Phase, in der er Freunde mit Mobiles aus Origami-Vögeln beschenkt hat. Zurzeit probt Murta das Musical "The Scarlet Pimpernel", während er parallel an seinem eigenen Stück arbeitet. Es wird zwar im Herbst die neue Spielzeit eröffnen, und es ist noch viel zu tun. "Bis zur Generalprobe kann ich noch nicht sagen, dass es fertig ist", sagt der Künstler.
Ein Musical zu schreiben, ist ein mühsamer Prozess, zumal Murta mit Constanze Grohmann auch die deutschen Texte schreibt. "Es sind wahnsinnig viele Teile, die gut zusammenpassen müssen", sagt Murta. Bei "Starry Messenger" hatte er noch Sorge, einen Abend nicht füllen zu können. Inzwischen weiß er, "dass der Trick darin liegt zu kontrollieren, dass es kein fünfstündiges Ding wird." Beim "Sternenboten" hat er auch gelernt, dass körperliche Bewegung kreative Blockaden lösen kann. "Ich habe schon wahnsinnig viele Probleme beim Joggen gelöst", sagt Murta, der zudem auch gern Einrad fährt.
Drei Musicals komponiert
Geboren in Fort Smith, Arkansas, und aufgewachsen in Tulsa, Oklahoma, studierte Murta Musik, Komposition und Literatur. Er stammt aus einer musikalischen Familie, aber auch die Juristerei ist Familientradition. Ein Stipendium führte ihn nach dem Studium nach Graz, wo er einen Sommer als Pianist mit Opernsängern arbeitete. Er beschloss, in Europa zu bleiben, ging für ein Jahr als Ballettpianist nach Oberhausen und wechselte 1984 als Kapellmeister für Musical und Schauspielmusik ans Bielefelder Theater.
Sein erstes eigenes Musical "M. . . . wie Marilyn" wurde dort 1987 uraufgeführt. Die Titelrolle sang Jane Comerford, heute Sängerin der Band "Texas Lightning". 2004 folgte "Starry Messenger". Sein neues Musical "The Birds of Alfred Hitchcock" wird im Herbst die Spielzeit eröffnen. Bis dahin gibt es mehrere "Making ofs", die einen Einblick in die Musical-Werkstatt erlauben (15. Februar im Stadttheater und 21. März im Theater am Alten Markt, Bielefeld).
Der Broadway ist der Traum jedes Musical-Komponisten, aber Bill Murta findet viele Gründe, warum ihn die Arbeit an einem Stadttheater wie Bielefeld mehr reizt. Auch wenn das Niveau nicht international sei wie am Broadway. Oder in der Musical-Metropole Hamburg.
"Stadttheater sollten zur Tugend machen, was sie besser können als jedes Broadway-Theater: Sie haben einen Chor und vor allem ein großes Orchester." In diesen Dimensionen sei das in Amerika selten zu erleben. Murta hat eine Vorliebe für große sinfonische Musicals wie die von Stephen Sondheim ("Sweeney Todd") oder Leonard Bernstein ("West Side Story"). Rockband-Musicals liegen ihm weniger.
Musikalische Leitung bei Schönheitswettbewerben
Zudem schätzt Murta die Abwechslung, die ein Theater wie Bielefeld bietet. "Ich möchte nicht zwei, drei Jahre lang achtmal die Woche dasselbe Stück spielen, bei dem sich nichts verändern darf." Am Bielefelder Haus ist mehr Bewegung: Murta dirgiert, arrangiert, arbeitet mit verschiedenen Künstlern. Und manchmal spielt er – wie in Lloyd Webbers Liederzyklus "Tell Me on a Sunday" – auch im Rampenlicht Piano. Am Klavier sitzt er, seit er acht Jahre alt ist, aber die einsame Rolle des Solisten hat ihn nie gereizt: "Ich bin ein praktischer Pianist."
Schon als Student war er umtriebig, spielte Klavier in Ballett- und Tanzschulen, begleitete Chöre, übernahm die musikalische Leitung bei Schönheitswettbewerben, brachte Musicals an der Universität und im kommunalen Theater zur Aufführung. "Meine Stärke war, dass ich mich ziemlich schnell musikalisch anpassen konnte."
In Bielefeld ist er heimisch geworden und die Arbeit auch nach 25 Jahren noch ein Abenteuer. Er fährt zwar jeden Sommer nach Hause, aber Amerika ist ihm etwas fremd geworden. Was ihm fehlt? "Shopping rund um die Uhr. So lächerlich das auch klingt: Es macht alles erheblich einfacher." Dennoch: "Würde ich in die USA zurückkehren, würde mir mehr von hier fehlen."