Bielefeld. Der elegante Ryan Bingham ist der Mann fürs Grobe. Wenn Chefs zu feige sind, ihre Untergebenen zu feuern, hat er seinen Auftritt. Er teilt den Verzweifelten, Wütenden und Resignierten ungerührt mit, dass sie entlassen sind. Nicht, dass er dass so platt formulieren würde.
Menschen werden "freigestellt", ihre Stellen sind plötzlich nicht mehr da. Das dürften sie nicht persönlich nehmen, sagt der eloquente Mittvierziger den Geschassten, die zum Teil von Laien gespielt werden, die das tatsächlich erlebt haben. Und: Jeder, der ein Imperium geschaffen habe, sei in derselben Situation gewesen. Hier und jetzt beginne ihre Zukunft. Ryan Bingham ist ein Terminator ohne Gewissen. Aber wäre er nur der zynische Vollstrecker, würde man ihm nicht so fasziniert zuschauen. George Clooney wurde für seine Rolle in Jason Reitmans intelligentem Film "Up in the Air" mit einer Oscar-Nominierung geadelt und das zu Recht: Ihm gelingt es mit Charme und Lässigkeit, aus diesem gefühllosen Handlanger des Turbokapitalismus eine interessante Figur zu machen, die einem ein Stück weit sogar sympathisch wird.
Kindischer Traum eines Nomaden der Lüfte
In großartig komponierten Sequenzen zeigt Reitman, was Binghams ganzer Stolz ist: die Könnerschaft, mit der er Koffer packt, Plastikkarten zückt und wie ein Fisch durch Transit- und Hotelräume gleitet. In seiner überschaubaren Schubladen-Welt ist Bingham der Beste seiner Art. Er mag Verwerfliches tun, aber er tut es mit Leidenschaft und Stil. Wenn er in seinen Motivationsvorträgen davon redet, dass Besitz Ballast und Bewegung Leben ist, steckt darin auch Wahrheit. Rührend kindisch ist der größte Traum dieses bindungslosen Nomaden der Lüfte: Er will zum elitären Club jener Menschen gehören, die mehr als zehn Millionen Flugmeilen auf dem Konto haben.
Gefahr droht von zwei Frauen: Seine neue Kollegin, die 23-jährige, streberhafte Natalie (Anna Kendrick), hat eine kühne Idee, die selbst den König der Kündigung kalt erwischt: Wieso Terminatoren quer durch Amerika schicken, wenn man den Rauswurf viel effizienter am Computerbildschirm erledigen kann? Mit der gleichaltrigen und gleichgesinnten Businessfrau Alex (Vera Farmiga) hat er unverbindlich Sex und Spaß. Doch Bingham kommt ihr näher, als ihm lieb ist. Die eine droht, ihm beruflich den Boden unter den Füßen wegzuziehen, die andere stellt sein Credo "Bindungen belasten" in Frage.
In gewöhnlichen Hollywoodfilmen würde Bingham geläutert aus der Krise hervorgehen und sein Leben ändern. Jason Reitman ("Thank You for Smoking", "Juno") bedient dieses Muster nicht. Für den Unbehausten gibt es keine Erlösung im Familienglück. Er hat in seine eigene Leere geblickt, sie mag ihn kurz erschreckt haben, aber sein Leben geht weiter wie bisher. Und Binghams poetischer Schlusssatz deutet an, dass er nicht unglücklich darüber ist. Eine Krise kann das System nicht erschüttern.
"Up in the Air" knüpft mit überraschenden Wendungen, Tempo und brillant sprudelnden Dialogen an klassische Screwball-Comedies an. Doch die Geschichte über ein Leben in Isolation und Unverbindlichkeit in Zeiten der Wirtschaftskrise ist zu traurig, um eine Komödie zu sein. Was besonders für den Film einnimmt, ist seine erfrischende Direktheit, die wenig Raum für Sentimentalität lässt.
Am Ende freilich überdreht Reitman die Schraube: Die Opfer Binghams sagen in die Kamera, wie sehr ihnen Familie und Freunde in der schwierigen Situation geholfen haben. Das wirkt nicht nur dick aufgetragen, sondern klingt auch nach "So schlimm war’s gar nicht".