Düsseldorf. Eines seiner letzten Selbstporträts zeigt den 1989 mit 42 Jahren an Aids verstorbenen Robert Mapplethorpe als Todgeweihten. Nur ein fest umgriffener Stab mit Totenkopf-Knauf und der Kopf mit starrem Blick treten vor tiefschwarzem Hintergrund hervor. In der Düsternis ist der Körper schon verschwunden.
Was für ein Kontrast zum porentiefen Körperkult, dem der New Yorker Fotograf zeitlebens gefrönt hat. Sichtbar wird stattdessen ein entscheidenden Aspekt in seinem umfangreichen Werk – die perfekt inszenierte Pose. Mit 150 Aufnahmen ist dieses Werk im Düsseldorfer NRW-Forum in seiner ganzen Breite zu bewundern. Thematisch übersichtlich gegliedert, sind auch noch nie öffentlich gezeigte Arbeiten aus dem reichen Fundus der New Yorker Robert Mapplethorpe Foundation zu sehen. Der aus einer katholischen Arbeiterfamilie stammende, am Schönheitsideal der Renaissance und des Klassizismus geschulte Künstler ist in dieser Retrospektive endlich als einer der bedeutendsten Lichtbildner des zwanzigsten Jahrhunderts zu erleben.
Rund um die Ausstellung
Zu sehen ist die Ausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum, Ehrenhof 2, bis zum 15. August dienstags bis sonntags von 11 bis 20 Uhr und freitags bis 24 Uhr. Informationen unter: www.nrw-forum.de
Seine Fotos galten lange als anrüchig. Die Aufnahmen intimster Details des männlichen Körpers waren als obszön verpönt. Und wer sie ausstellte, riskierte als museumsdirektor seinen Job. Die Ausstellungsmacher Petra Wenzel und Werner Lippert taten gut daran, diese Körperbilder in ihrer ungenierten Blöße unspekulativ aus der Schmuddelecke herauszuholen. Vor schneeweißem Hintergrund statt auf fliederfarbenen oder lila getönten Wänden verdeutlichen sie, dass Mapplethorpe wie ein Bildhauer einem makellos perfekten Schönheitsideal huldigte – nicht mit dem Meißel, sondern mit der Kamera. In einer geöffneten Blüte oder in Früchten entdeckte er ebenso sinnlichen Reiz wie im Phallus eines Farbigen. Mapplethorpes Hymnus auf das Sinnliche hat in Düsseldorf nichts Verschämtes mehr.
Fleisch gewordene Skulpturen
Deutlich wird dieser Zusammenhang in Aufnahmen italienischer Skulpturen. Mapplethorpe zeigt sie wie Menschen und umgekehrt Menschen wie die drall posierende nackte Bodybuilding-Weltrekordlerin Lisa Lyon wie Fleisch gewordene Skulpturen.
Unter den Skulpturen sticht ein teuflischer Faun hervor. So drall posiert Mapplethorpe in einem berühmten Selbstporträt von 1978 mit einer Lederpeitsche, die er wie einen Teufelsschweif eingeklemmt hat. In seinen ersten Selbstporträts posierte er lässig und kühl wie der junge James Dean. Mapplethorpe war ein Zeitgenosse der Revolte, des Aufstands gegen verkrustete gesellschaftliche Strukturen. Unter einem Stern hat er sich mit Maschinengewehr inszeniert. Das scheint auf den ersten Blick nicht zu seiner Serie zu passen, für die er sich wie eine Frau geschminkt hat.
In New York zählte er in den Achtzigern zu den gefragtesten Porträtisten. Im Stil der Dreißiger hat er Schauspieler wie Donald Sutherland oder Isabella Rossellini mit Weichzeichner abgelichtet. Erstaunlich direkt sind seine Aufnahmen von Künstlern wie Andy Warhol, Cindy Sherman, Lawrence Weiner, Robert Rauschenberg oder Louise Bourgeois und unverblümt frisch und natürlich die Porträts der Pop-Musikerin Patti Smith, seiner Lebensgefährtin. Wo es privat wird, rückt Maplethorpe ab von der Perfektionsdrang gestählter Körper in makellosen Details. Eines seiner muskulösen männlichen Models zeigt er als Körperikone nackt im Kreis. In dieser Serie lässt der Körperkult der griechischen Antike grüßen. Aber Mapplethorpe gerät nie in die Nähe der schwülstigen Knabenfotos eines Wilhelm von Gloeden vor griechischer Kulisse.