Bielefeld. Das hat Bielefeld noch gefehlt: Ein Serienkiller wütet in der Stadt am Teuto und richtet seine Opfer auf bestialische Weise hin. Der Täter pfählt und grillt nach historischem Rezept. Allerdings lässt Hans-Jörg Kühne die Leser nicht seitenweise dabei zuschauen. Er beschränkt sich in seinem Krimi-Debüt "Der Pfahlmörder" darauf, das Resultat zu beschreiben.
Brutales liege zwar momentan im Krimi-Genre im Trend, weiß Kühne, aber an allzu ausschweifender "Gewaltpornografie" hat er kein Interesse: "Das wird schnell unglaublich langweilig." Der 50-Jährige hat große Vorbilder: Cormac McCarthy ("No Country for Old Men") zum Beispiel.
Mehr noch beeinflussen ihn Filmemacher. Kühn nennt David Lynch und schwärmt von Quentin Tarantino. Enthusiastisch erzählt er Lieblingsszenen nach, lobt die ausufernden, "vollkommen bescheuerten Gespräche" bei Tarantino und die Gewalt, die der Regisseur stets so bizarr übertreibe, dass sie schon wieder witzig sei.
Knurrig-sarkastischer, einsamer Wolf
Kühne will sich von der Betulichkeit mancher Regionalkrimis absetzen und einen "etwas ruppigeren Stil" pflegen. "Bloß keine schlaffe Haferschleimsuppe", sagt er. Die Stärken seines Romans liegen in den Figuren und den Dialogen. Die sind knackig und lakonisch und lesen sich süffig weg. Mit Beschreibungen hält er sich Kühne zurück. Die brächten ihn auch beim Fabulieren gelegentlich ins Stocken, plaudert Kühne aus seiner Schreibwerktstatt. Dass die Dialoge Drive und Rhythmus haben, mag auch daran liegen, dass der Freiberufler seinen Lebensunterhalt zum Teil als Saxofonist bestreitet.
Mit dem 52-jährigen Hauptkommissar hat er einen kantigen Helden erfunden. Er trägt den poetischen Namen Thomas Kuss und ist ein knurrig-sarkastischer, einsamer Wolf, der am Feierabend in seiner Küche sitzt und aus dem Fenster starrt. Gemeinsam mit seinem unerfahrenen Team muss er die Mordserie aufklären, die den Ermittler und seinen beflissenen jungen Kollegen Oliver Kirchner sogar ins verhasste Sennestadt führt.
Ein kleines Privattrauma, gibt Hans-Jörg Kühne zu und erwähnt die Sonntagsspaziergänge seiner Kindheit. Auch andere Erinnerungen sind in das Buch eingeflossen – wie seinerzeit sein Musiklehrer an der Kuhlo-Realschule, der den Schülern in der ersten Reihe drei Finger in den Mund zu stecken pflegte und das eklige Ritual mit der Frage verband, was er denn wohl gefrühstückt habe.
Kühne ist promovierter Historiker und hat mehrere Bücher zur Stadt- und Regionalgeschichte veröffentlicht, darunter "Der Tag, an dem Bielefeld unterging" oder "Bielefeld ’66 – ’77: Wildes Leben, Musik, Demos und Reformen". Klar, dass die bizarren Hinrichtungsmethoden im "Pfahlmörder" historisch verbürgt sind. Überhaupt arbeitet Kühne mit der Präzision des Wissenschaftlers: Quellen werden anders als bei der Generation Axolotl zitiert.
Bielefelder Lokalkolorit drängt sich nicht auf
Für die Schublade hat er schon seit längerem literarisch geschrieben. 2008 erschien eine erste Kurzgeschichte in dem Sammelband "Mord-Westfalen". Jetzt arbeitet er an seinem zweiten Krimi, der im Bielefeld der 50er Jahren spielt. Ob er keine Bedenken habe, dass sein Ruf als Historiker Schaden nehmen könne, sei er gefragt worden. "Das ist mir egal", sagt Kühne. Krimis schreiben mache ihm einfach Spaß.
Ein Buch entstehe nicht nach Plan, es wachse beim Schreiben. Inspiration zieht Kühne aus allem, was er erlebt – oder erlebt hat. Jeder Film, jedes Buch, jede Begegnung und Beobachtung wird auf Verwertbares abgeklopft. Bielefelder Lokalkolorit ist vorhanden, drängt sich aber nicht auf. Manche Spur hat er verwischt, um sich keinen Ärger einzuhandeln. Man hört heraus: Regionalkrimis zu schreiben, ist eine delikate Angelegenheit.
Wichtig ist: "Man darf sich beim Schreiben selbst nicht langweilen. Es muss permanent etwas passieren, pfundweise bizarre Situationen, Schrecken", sagt Kühne lächelnd und macht eine Pause. "Eigentlich müsste Sex auch mit drin sein." Hat diesmal nicht geklappt. Kann ja noch kommen.
- "Hans-Jörg Kühne: Der Pfahlmörder", 304 S., 10,95 Ð, Pendragon Verlag Bielefeld. Der Autor stellt am Sonntag, 21. März, im Café Durchblick aus seinem Buch vor. Beginn der Lesung mit Live-Musik ist um 18 Uhr.