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10.03.2010
Ein einziges Theater
Gütersloh eröffnet Veranstaltungshaus für 21,75 Millionen Euro
VON JEANETTE SALZMANN

Platz für 530 Besucher | FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Gütersloh. Der Bau einer Stadtautobahn wäre nicht weniger umstritten – und hätte kaum länger gedauert. Seit fast 30 Jahren ringt die Stadt Gütersloh um ein neues Kulturgebäude. Allen Fürs und Wider zum Trotz: Jetzt ist es fertig. Am 13. März feiert das neue Theater Gütersloh Premiere.

Natürlich hätte es zu diesem Stichtag fix und fertig sein sollen, damit es in seiner ganzen ästhetischen Schönheit strahlt und überzeugt. Doch die lange Frostperiode machte der Bauplanung einen Strich durch die Rechnung. Die Fassade bleibt zu drei Seiten eingerüstet; es fehlt der Putz. Und die Außenanlage ist eine Baustelle. Am Premierewochenende weiß man sich zu helfen: Ein Vorzelt wird aufgebaut, mit Nassteppichen, um den Schmutz der mehreren tausend Besucher außen vor zu lassen. Keine optimalen Bedingen, das weiß auch Kulturdezernent Andreas Kimpel. "Aber wir eröffnen, das ist nach einer mehr als siebenjährigen Übergangszeit in der Stadthalle doch das Wichtigste!"

Von den einst 6.000 Abonnenten der städtischen Kulturreihe waren zuletzt nur noch 500 übrig geblieben. Die Paul-Thöne-Halle, eine 1948 zum Theater umgebaute ehemalige Brauerei, musste 2003 ihren Spielbetrieb wegen gravierender Sicherheitsmängel aufgeben. Schon lange wusste die Politik um den Zustand des Gebäudes und nahm das Thema auf die Tagesordnung. Ohne Erfolg. Der Preis für ein neues Theater beschwor Bürgerprotest hervor. Die Kultur unterlag über viele Jahre der Finanzpolitik.

600 Qudaratmeter große Hauptbühne

21,75 Millionen Euro hat das Theater Gütersloh nun gekostet. Die ortsansässigen Konzerne Miele und Bertelsmann gaben zusammen 5 Millionen dazu; der Theaterförderverein brachte eine weitere Million Spenden zusammen insbesondere durch den "Verkauf" von 524 Theaterstühle an "Stuhlpaten".

Es ist (fast) fertig | FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

530 Besucher können nun Platz nehmen im knapp 400 Quadratmeter großen Theatersaal. Sie blicken auf eine 600 Quadratmeter große Hauptbühne mit allen technischen Raffinessen; dazu ein höhenverstellbarer Orchestergraben der zur Vorbühne umgebaut werden kann.

"Das Theater Gütersloh ist verglichen mit anderen Theatern in Deutschland Spitzenreiter hinsichtlich der Nähe des Publikums zur Bühne", sagt Kulturdezernent Andreas Kimpel. "Mit nur maximal 24,5 Metern Abstand zum Bühnengeschehen entsteht eine bisher einzigartige Nähe des Publikums zum Protagonisten."Es gibt eine zweite Bühne, die "Studiobühne", die mit einer Fläche von 200 Quadratmeter multifunktional genutzt werden kann. Sie wird vor allem kleinere Spielformen präsentieren und vielen Ensembles, Gruppen, Schulen und Vereinen Anlass und Anreiz zu eigener Initiative geben. Auch die Foyers und die gastronomisch bewirtschaftete "Skylobby" im 5. Obergeschoss sind für künstlerisches Tun zu nutzen. "Wir wollen das ganze Haus bespielen", lautet die Devise der Programmmacher.

Grandioser Ausblick | FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Die Reihe "Panoramamusik" etwa wurde eigens dafür konzipiert. Unter diesem Titel findet Kammermusik an wechselnden Plätzen im Theater statt. Das neue Theater steht dort, wo einst das alte stand. Architekt Jörg Friedrich aus Hamburg hat Funktionsbereiche übereinandergeschichtet und ein "vertikales Theater" konzipiert. "Es ist ein auf kleinster Grundfläche vielseitig nutzbares Kulturgebäude." Architektonischer Glanzpunkt ist die sich nach oben öffnende und selbsttragende Wendeltreppe. Die 1.000 Quadratmeter große Südfassade bietet Passanten vollen Einblick ins Innere des Gebäudes. Und wer drin ist, hat einen großartigen Ausblick auf die Stadt.

2.600 Abonnenten hat die Stadt Gütersloh bereits zurück gewonnen. Die erste (verkürzte) Spielzeit von März bis Juli ist bei Abos und Einzelkarten ausverkauft. Das Hamburger Schauspielhaus kommt mit der Inszenierung "Zigeunerjunge" zur Premierenfeier. "Ein großer Erfolg, der uns Mut macht", schwärmt Klaus Klein, Künstlerischer Leiter des Theaters. er ist überzeugt davon, die Besuchermarke 6.000 zurückzuerobern. Das Programm 2010/2011 ist ausgearbeitet, jedoch unter neuerlichem Spardiktat. Klaus Klein bleibt dennoch optimistisch: "Gütersloh muss sich an den Umgang mit seinem neuen Theater jetzt gewöhnen."

Einmaliger Vorgang in NRW

Seit 1949 fand der Spielbetrieb in der Paul-Thöne-Halle statt, einem Theater-und Kinosaal in zunehmend schlechtem baulichen Zustands. Im März 2003 beschloss der Stadtrat die Errichtung eines neuen Theaters nach einem Entwurf des Hamburger Architekten Jörg Friedrich. Wenig später musste wegen erheblicher Sicherheitsmängel der Spielbetrieb in der Paul-Thöne-Halle eingestellt werden. Doch das Vorhaben scheiterte an Protesten. Der Verein "Bürger für Gütersloh" sammelte Stimmen gegen den Bau eines Theaters und setzte den ersten Bürgerentscheid über ein Kulturinvestitionsprojekt in Nordrhein-Westfalen durch. Fast 24.400 von 74.700 wahlberechtigten Güterslohern gaben ihre Stimme ab; rund 18 600 stimmten mit Nein. Damit wurde der Ratsbeschluss aufgehoben und dem Rat eine zweijährige Beratungspause zum Theaterbau auferlegt.

Viel Platz, wenig Geld

Ein erneuter Ratsbeschluss ebnete im Juni 2006 schließlich den Weg zum neuen Theater Gütersloh. Das von Arachitekt Prof. Jörg Friedrich entworfene puristische Gebäude mit der 1.000 Quadratmeter großen gläsernen Südfassade und der sich nach oben öffnenden Wendeltreppe entstand exakt auf dem Gelände der abgerissenen Paul-Thöne-Halle. Es verfügt über einen großen Saal mit 530 Plätzen und einer Studiobühne mit bis zu 180 Plätzen.
Doch auch am neuen Gütersloher Theaterhimmel hängen dunkle Wolken. Der Zuschussbedarf des Eigenbetriebs Kultur Räume Gütersloh, in dem Stadthalle und Theater zusammengefasst sind, beläuft sich in diesem Jahr auf rund 4,2 Millionen Euro. Bis 2014 soll dieser Betrag durch Einsparungen im Personal und die Erhöhung der Eintrittsgelder auf 3,5 Millionen Euro gesenkt werden.



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