Bielefeld. Die Zeiten ändern sich und das Theater mit ihnen. Denn: "Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern." So lautet das dem italienischen Roman "Der Leopard" entnommene Motto der Spielzeit 2010/11 im Stadttheater. Mit 27 Neuproduktionen, darunter einige Uraufführungen, liegt das Drei-Sparten-Haus im Schnitt der vergangenen Spielzeiten. Die Zahl der insgesamt sieben Wiederaufnahmen, darunter schon in der dritten Spielzeit der Dauerbrenner "Wie im Himmel", sticht jedoch heraus.
"Das ist ein großer Gewinn fürs Publikum, weil die Auswahl größer wird", kommentierte Intendant Michael Heicks gestern bei der Spielplanvorstellung die Übernahme erfolgreicher Produktionen in die nächsten Saison. Trotz des enormen logistischen Aufwands wolle sich das Theater auf diese Weise "ein kleines Repertoire aufbauen", erläuterte Heicks und betonte: "Qualität ist für uns auch in Zeiten der Haushaltskrise ein wichtiges Standbein."
Die Zusammenstellung des Musiktheater-Spielplans lag komplett in neuen Händen. Die neue Operndirektorin Helen Malkowsky und Bielefelds neuer Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic werden sich dem Publikum gemeinsam erstmals zu Saisonbeginn mit Richard Strauss’ einst skandalumwitterter Oper "Salomé" vorstellen (siehe Spielplan auf dieser Seite). Es sei "eine Herausforderung, bei der jeder Musiker und Sänger an seine Grenzen gehen müsse", so Kalajdzic, aber er sei "froh, mit dieser Oper die Spielzeit eröffnen zu können". Den eigentlichen Saisonauftakt wird zuvor das Musical "The Birds of Alfred Hitchcock" des Bielefelder Musical-Kapellmeisters William Murta bestreiten.
Anhand des Spielzeit-Mottos gesponnener Bedeutungsfaden
Mit Glucks Reform-Oper "Iphigenie en Tauride" steht nach einer Pause wieder einmal Musiktheater des 18. Jahrhunderts auf dem Spielplan. Das beliebte italienische Repertoire wird unter anderem von Rossinis "Barbier" abgedeckt. Viel Vorschusslorbeeren vergaben die Operndirektorin und GMD Kalajdzic gestern an die erst vor zwei Jahren in München uraufgeführte Oper "Alice in Wonderland" der Koreanerin Unsuk Chin. "Musik wie ein Wunder, traumhaft, ganz große Kunst", beschrieb der GMD die als "Uraufführung des Jahres" (Opernwelt) bejubelte Oper der Ligeti-Schülerin.
Malkowsky hofft, mit dem Werk "viele Generationen" für Oper interessieren zu können. Ein weiteres zeitgenössisches Stück, noch unbetitelt, wird nach der Fehlanzeige in der laufenden Saison zusammen mit dem "Fonds Experimentelles Musikthearter" des NRW Kultursekretariats Wuppertal auf die TAM-Bühne gebracht. Kalajdzic, der mit Kopfverband und geschientem linken Unteram zur Pressekonferenz kam ("Ich bin vor meinem Haus in Mannheim böse gestürzt"), betonte die gute Zusammenarbeit mit Operndirektorin Malkowsky: "Eine sehr freudige Angelegenheit."
Den von Heicks anhand des Spielzeit-Mottos gesponnenen Bedeutungsfaden griff Gregor Zöllig, Leiter des Tanztheaters, für seine Sparte auf. "My Hotel Paradise" ein Zöllig-Tanzstück über Aufbruch und Heimkehr, beschäftigt sich mit Emigranten, Menschen, die "einen Neuanfang wagen, um ihren Traum von einem Leben in Würde und Freiheit zu verwirklichen" (Zöllig). Der in Genf arbeitende brasilianische Choreograph Guilherme Botelho wird mit dem Bielefelder Tanzensemble sein 2004 uraufgeführtes Stück "Vaguement derrière" einstudieren. Einmal mehr, versprach Zöllig zudem, werde in der nächsten Saison "eine international renommierte Compagnie" ein Gastspiel am Bielefelder Theater geben.
Die "Hotel Paradise"-Produktion und ein weiterer Zöllig-Tanzabend über die "Vier Temperamente", angelehnt an die klassische Charakter-Lehre des Hippokrates, bilden die Basis für drei "Zeitsprung"-Projekte. Eines dieser Projekte für Tanzlaien wird im neuen Gütersloher Theater einstudiert. Zöllig kündigte an, dass aufgrund der "sehr erfolgreichen" Zeitsprung-Reihe demnächst mit Unterstützung des Landes eine feste Stelle für Tanzpädagogik am Stadttheater eingerichtet werde.