Gelsenkirchen. Als Oper mit dem wohl letzten Ohrwurm-Hit vom "Glück, das mir verblieb" ist das 1920 uraufgeführte Erfolgsstück "Die tote Stadt" heute wieder recht lebendig. Zum üppig-raffinierten Klangrausch des damals 23-jährigen Wiener Wunderknaben Erich Wolfgang Korngold kommen die musikdramatischen Qualitäten einer alptraumhaften Psychostudie: Witwer Paul lebt umdüstert gefangen in der Erinnerung an seine geliebte Marie. Die lebensfrohe Tänzerin Marietta erscheint ihm als zusehends unheilige Wiedergängerin; ihre – wie alles ab einem bestimmten Opern-Punkt nur halluzinierte – Ermordung macht ihn am Ende frei, die Stadt zu verlassen.
Im frisch sanierten Großen Haus des Musiktheaters im Revier hat Regisseur Thilo Reinhardt die Korngoldsche Traumwelt-Therapie so durchdacht wie atmosphärisch dicht im (Entstehungs-)Zeitkolorit inszeniert. Beschworen wird nicht das morbide Brügge-Flair des Fin de Siècle, sondern Pauls Totenkult mit dem Nachweltkriegs-Trauma der gerade untergegangenen K.u.k-Monarchie kurzgeschlossen.
Wie ein Schnitzlerscher Ex-Leutnant hütet und zelebriert er mit Reliquien und Kleiderpuppe vor der zugemauerten Schlafzimmertür die Vergangenheit. Die andere Marie schneit anziehend mondän wie ein blonder Marlene-Dietrich-Engel (etwas flirrend-füllig: Majken Bjerno) herein. Auf dem von Kriegsversehrten und lockenden Armen gesäumten Traumspiel-Platz des Mittelakts bringt dann der B-Schlager, die von Freund Fritz (kraftvoll: Björn Waag) angestimmte Walzerromanze "Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück", das kakanische Lebensgefühl dieser "Toten Stadt" auf den Punkt. Kaiser Franz Joseph höchstselbst gibt sich mitsamt Hofstaat auf den Balkonen die Ehre, der ausgepicht schillernden Phantasmagorie aus Operntheater-Szene und Prozession, Post-Liebesnacht und Puppenheim-Mord beizuwohnen.
Schwelgerisches Klangnarkotikum
Die triftige, hoch ansehnliche Sicht wird von einer guten Ensembleleistung getragen und einer Idealbesetzung gekrönt. Als wahntraumbefangener Offizier bietet Burkhard Fritz, Ex-MiRler und Heldentenor der Berliner Staatsoper, mit seiner tonschlanken Leuchtkraft eine vokale Erfüllung. Auch wie GMD Heiko Mathias Förster Korngolds schwelgerisches Klangnarkotikum mit der Neuen Philharmonie Westfalen auffächert, ist eine starke Empfehlung für die Produktion.- 12., 14., 20. März, 23. April; Karten: (0209) 40 97 200.








