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14.03.2010
Rolf Zacher: "Mit Selbstmitleid bist du verloren"
Schauspieler und Sänger über Buddha, das Glück und deutsche Autofahrer

Stehaufmännchen | FOTO: NW

Bielefeld. Wenn Interpreten von dunklen Seiten des Lebens singen, dann vielleicht nur, weil der Songschreiber das so will. Nicht Rolf Zacher. Seine Liedtexte sind geprägt von seiner bewegten und doch immer hoffnungsvollen Biografie. Der Mann, der in 240 Filmen gespielt hat, fand spät den Weg auf die Bühne. Am Freitag, 12. März, singt er ab 20 Uhr im Bielefelder Stadttheater. Im Interview mit Martin Fröhlich redet er wie in seinen Liedern Tacheles.

Herr Zacher, Sie haben ...
ROLF ZACHER: . . . eine Sekunde, ich muss mal kurz in die Küche und die Flamme kleiner drehen . . . So, jetzt geht es.

Was kochen Sie gerade?
ROLF ZACHER: Brokkoli und Kartoffeln.

Neulich waren Sie beim perfekten Promidinner auf Vox zu sehen. Sie haben richtig gut gekocht, sind aber nur Vorletzter geworden. Warum?
ROLF ZACHER: Die anderen waren neidisch auf mich. Es hat super geschmeckt. Ein befreundeter Sternekoch hat mir das Rezept empfohlen. Er hat mich für meine Kochkunst gelobt.

Kochen oder singen Sie besser?
ROLF ZACHER: Beides genauso gut. Bislang sind die Leute alle überrascht von meinen musikalischen Fähigkeiten. Ich überrasche gern – die Leute und mich selbst. Ich mochte schon immer Musik. Ich habe in einer Skiffle-Band gespielt. Die hieß "Washboard Rhythm Gang".

Warum sind Sie nicht gleich Musiker geworden?
ROLF ZACHER: Ich bin damals mit einem Wanderzirkus abgehauen. Und eigentlich wollte ich Bauer werden, auf dem Land leben, Produkte für die Menschen schaffen. Dann kam eines Morgens der Zirkus und da wollte ich hin. Ich bin als Kind sogar auf dem Hochseil gewesen. Du musst beim Zirkus alles können.

Das ist in Ihrer Karriere irgendwie auch so. Sie sind nicht nur Schauspieler. Wieso haben Sie angefangen zu singen?
ROLF ZACHER: Musik ist für die Seele. Auch Lachen ist Seelenmusik. Freundlich zu sein, ist der Weg zum Glück.

Klingt nach Buddhismus.
ROLF ZACHER: Kann sein, Buddha ist der positivste Gott von allen. Dick und lächelnd. Die Chance auf Wiedergeburt ist übrigens eine großartige Idee.

Sie haben vom Lachen gesprochen. Wenn man Ihre Biografie sieht, ist man überrascht, dass Sie noch lachen können.
ROLF ZACHER: Gerade deshalb. Die harten Wege machen uns groß. Das Leben geht nunmal rauf und runter. Das vergessen viele. Wir wollen immer nur glücklich sein. Menschen, die wenig haben, sind glücklicher. Ein Kind einer wohlhabenden Familie freut sich kaum über Geschenke. Anders die armen Kinder. Meine reichen Freunde habe ich immer bedauert. Wie die sich gegeben haben. Die hatten immer Angst, dass sie ihr Geld verlieren. So wollte ich nicht werden.

Wie wollten Sie denn werden?
ROLF ZACHER: Mich kennen angeblich 89 Prozent der Deutschen. Die Leute empfangen mich auf den Bühnen mit offenen Armen. Weil ich so authentisch sei, sagen sie. Das stimmt. Wenn man natürlich ist, kommt man viel besser rüber. Wenn man berühmt ist, schwebt man schnell in Höhen. Aber man muss aufwachen. Man ist nur ein Mensch wie jeder andere.In Ihren Liedtexten klingen mehr Tiefen als Höhen im Leben an.
ROLF ZACHER: Aber so ist das Leben ja. Wir sind seltener auf dem Berg als im Tal. Trotzdem muss du positiv in der Einstellung bleiben. Ich erzähle gerne aus den Tiefen. Gerade durch sie wirst du stark. Guck dir Ingrid van Bergen an. Sie hat so viel erlebt und durchgemacht und sie hat so eine Power heute mit fast 80. Mit Selbstmitleid bist du verloren, dann wächst dein Kern nicht weiter.

Info

Viele Täler und Gipfel

In seinen 68 Lebensjahren hat Rolf Zacher tiefste Täler durchschritten und hohe Gipfel erklommen.Die Schule bricht er ab, zieht mit einem Wanderzirkus durchs Land, lernt Bäcker und Konditor, wird später Schauspieler. Nach einem Autounfall Ende der 60er erhält er starke Schmerzmittel. Als die nicht mehr wirken, greift er zu Heroin, wird abhängig. Nach vielen Entziehungsversuchen und Haftstrafen kommt er
doch noch von der Droge los. 1982 erreicht er als Schauspieler den Höhepunkt. Für seine Rolle in "Endstation Freiheit" erhält er den Bundesfilmpreis. 2008 erschien mit "Latest Hits" sein Solo-Debüt als Sänger. Nach Bielefeld kommt Zacher mit vierköpfiger Band.

In einem Song heißt es: Was ich gesehn hab, musste erstmal fressen. Haben Sie alles gefressen und verdaut?
ROLF ZACHER: Ja. Man hält sich nicht so lange mit diesen Dingen auf. Schlechte Dinge haben auch gute Seiten: Wenn du mit dem Auto irgendwo liegen bleibst und dir was einfallen lassen musst – hinterher lachst du drüber. Also, ich zumindest. Und schau mal: Ich habe so viele Wegbegleiter überlebt. Diether Krebs, Klaus Wennemann und so weiter. Dabei haben sie früher alle gesagt: Der Zacher wird höchstens 50.

Sie meditieren fünfmal am Tag. Zum Konzentrieren oder zum Entspannen?
ROLF ZACHER: Zum Entspannen. Wir sind angespannt genug. Ständig läuft in den Köpfen ein Film ab. Diese Sekunden, um auf Null zu kommen, bringen Gelassenheit. Die täte uns allen gut.

Wie meinen Sie das?
ROLF ZACHER: Guck, wie die Deutschen Auto fahren. Das ist der Wahnsinn. Oder das Schneechaos bei uns. Das ist kein Chaos. Da ist eben Schnee gefallen, wie in jedem Winter irgendwann. Darauf kann man sich einstellen. Die Franzosen sind da viel ruhiger. Da könnten wir uns was abgucken. Gut, ich bin auch ab und zu ein schneller Hengst (lacht). Aber eben ab und zu.

Sie haben einst mit Charles Aznavour, dem großen Chansonier, gedreht. Hat er Sie eigentlich mal singen gehört?
ROLF ZACHER: Ja, vor langer Zeit. Bei Dreharbeiten für den Zauberberg habe ich mich an ein Klavier gesetzt, gespielt und gesungen. Er hat heimlich zugehört und mir dann gesagt: Donnerwetter! Du solltest schleunigst auf die Bühne gehen und singen.

Was singen Sie?
ROLF ZACHER: Das reicht vom klassischen Chanson über Jazz bis zu deftigen Sachen. Ein Lied ist Hans Albers gewidmet.

Wie reagiert das Publikum?
ROLF ZACHER: Die meisten sind begeistert, aber das reicht mir nicht. Ich will alle Zuhörer für mich und meine Musik gewinnen – egal, wie viele da sind.

Und was machen Sie dann?
ROLF ZACHER: Wenn ich in der letzten Reihe einen sehe, der gequält guckt, lasse ich das Licht im Saal einschalten. Dann frage ich ihn, ob es ihm nicht gefällt.

Und wenn er das bejaht?
ROLF ZACHER: Dann singe ich ein Lied nur für ihn und meistens bricht dann das Eis (lacht).
  • Karten in der NW-Geschäftsstelle, Tel. 555-444 oder bei nw-ticket.de



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