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21.06.2010
Umjubelte Premiere der Zemlinsky-Oper "Der König Kandaules"
Über Glück und andere Katastrophen
VON ANKE GROENEWOLD

Der König und der Fischer | FOTO: MATTHIAS STUTTE

Bielefeld. "Glück" ist ein Wort, das in dieser Oper häufig fällt. König Kandaules ist scheinbar ganz berauscht vom eigenen. Der Mann ist reich und hat eine sagenhaft schöne Frau. Aber er kann Glück nur fühlen, wenn andere davon erfahren und es teilen. Warum das für Kandaules tödlich ausgeht und alle am Ende verlieren, erzählt Regisseurin Birgit Kronshage mit ihrer psychologisch reizvoll aufgefächerten Inszenierung von Alexander Zemlinskys selten gespielter Oper "Der König Kandaules".

Die Geschichte vom reichen König, seiner schönen Frau Nyssia und dem armen Fischer Gyges wird hier als spannender Psychothriller dargeboten. Der wirft erfrischenderweise eher Fragen auf als Antworten zu liefern und wirkt damit auch weit über den Abend hinaus.


Ein besonderes Erlebnis ist die farbenreiche, feinnervige und aufgeladene Musik, die Zemlinsky in den Jahren 1935 bis 1938 in Wien komponierte. Die Bielefelder Philharmoniker unter Leitung des scheidenden Generalmusikdirektors Peter Kuhn spielen sie so fiebrig, flirrend und raffiniert, dass einem das Zemlinskysche Feuerwerk unter die Haut geht.

Fischer sieht Frau als Besitz an

Der Psychothriller entfaltet Wucht und Abgründigkeit, weil sich die sensible Regie auf exzellente Sänger stützen kann, die auch schauspielerisch ungewöhnlich stark sind. Sie zeigen keine Märchenfiguren, sondern tragisch verstrickte Menschen mit Widersprüchen, mit guten und schlechten Seiten.

Tenor Luca Martin verkörpert stimmlich wie darstellerisch überzeugend den schwärmerischen Ästheten Kandaules. Dass der sein Glück mit anderen teilen will, klingt zunächst großzügig und sympathisch. Doch in diesem Stück ist nichts so, wie es scheint. Kandaules lechzt nach Bestätigung von außen, weil er ein verunsicherter, einsamer Mensch ist, der gar nicht weiß, was Glück ist. Mit seinem Reichtum weiß er nichts Gescheites anzufangen. Seine Frau Nyssia ist nicht Partnerin, sondern Eigentum und Status-Symbol. Seinen Höflingen führt er sie vor wie ein exotisches Tier, zupft sie zurecht wie eine Schaufensterpuppe.

Auch der stolze Fischer Gyges sieht seine Frau Trydo als Besitz an. Als herauskommt, dass sie bei einem Höfling im Bett war, ersticht er sie. Hätte er genau hingesehen, wüsste er, dass die Küchenmagd es nicht freiwillig getan hat.

Der König nimmt Gyges auf, kleidet ihn in edle Gewänder, nennt ihn Freund. Der Fischer ist misstrauisch, findet aber auch Geschmack am süßen Leben. Als Kandaules Gyges drängt, einen unsichtbar machenden Ring zu tragen und eine Nacht mit der ahnungslosen Nyssia zu verbringen, lehnt Gyges zunächst entsetzt ab. Doch als er im Schlafzimmer stehend Nyssia sieht, stürzt er wie von Blitz und Begehren getroffen zu Boden. Regisseurin Kronshage lässt ihn bereits hier probeweise den Dolch gegen Kandaules ziehen – dieser Gyges wird in Gedanken schon zum Mörder, lange bevor ihn die betrogene Nyssia dazu auffordert. Alexander Marco-Buhrmester gibt den Gyges mit edlem, kraftvollem Bariton ausdrucksintensiv und anrührend.

Überzeugend reduziertes Bühnenbild

Und Nyssia? Das Opfer, das zur Täterin wird, schaut weg, als die bedrängte Trydo sich hilfesuchend zu ihr umdreht. Und als sie erfährt, was Kandaules ihr angetan hat, stachelt die tief Verletzte Gyges an, den König umzubringen. Verständlich, aber sie wird schuldig und zerbricht daran. Sabine Paßow macht die Entwicklung dieser Figur glaubhaft, schlägt stimmlich einen kühnen Bogen, trifft die weichen, sinnlichen Töne der Liebenden ebenso wie die furiosen der Rächerin.Sieben Höflinge kommentieren, wie sich das Trio in ein zerstörerisches Spiel um Macht und Ohnmacht, um Lüge und Verrat, um Besitz und Besessenheit verstrickt. Beachtlich ist, dass sogar diese Nebenfiguren plakativ, aber prägnant ihre eigenen Geschichten erzählen. Ihr fein inszeniertes Spiel der Gesten und Blicke verleiht der Inszenierung zusätzlich Dynamik und Tiefe. Die sieben beäugen sich gegenseitig misstrauisch, kuschen vor dem König und höhnen hinter seinem Rücken. Aus der gefährlichen Meute ragen der aufgeblasen-eitle Sebas (Eric Laporte), der mafiöse Philebos (Torben Jürgens) und der angespannte Phedros (Meik Schwalm) heraus.

Aber auch Lasse Penttinen, Jacek Janiszewski, Lutz Laible und Sebastian Pilgrim geben ihren Figuren scharfes Profil – unterstützt durch die zitatenreichen Kostüme von Marina Hellmann. Sie hat auch das überzeugend reduzierte Bühnenbild geschaffen. Eine florale Tapete und ein riesiger Fisch schaffen Atmosphäre und wecken Assoziationen. Ansonsten rückt der geschlossene Raum das Psychodrama in den Vordergrund.
Ein grandioser Abschluss der Saison.
  • 27. Juni, 2., 4., 16. Juli.



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